Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 64
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Mythenwelt gerade so gut wie der Thierfabel und um
die Gestalten des alten und neuen Testamentes spielt ein
Heer von halb mystischen, halb grotesken Ausgeburten
der Phantasie, die als willkürlich erscheinen müssten,
wäre nicht Alles — klaren architektonischen und orna-
mentalen Zwecken dienstbar unterordnet und eingefügt.

Vielleicht das grossartigste Werk dieser Art besitzt
Ulm. Prachtvolle Chorgestühle in Schwaben und seinen
Grenzgebieten finden sich ferner in der Kirche zu Mem-
mingen, im Dome zu Augsburg, in der Spitalkirche zu
Stuttgart, im Kloster Maulbronn, im Münster und in
St. Stephan zu Constanz und endlich im Münster zu
U eberlin gen.

Das Ueberlinger Gestühl, an den Seiten des Münster-
chores entlanglaufend, besteht j e aus zwei Abtheilungen,
d, h. aus den untern und den obern Sitzen, zu welch'
Letztern man mittelst einer die untere Sitzreihe durch-
schneidenden steinernen Treppe gelangt. Diese obere
Abtheilung besteht j e aus zwölf Stühlen mit beweglichen
Sitzen und zum Zwecke bequemerer Handhabung beim
Auf- und Niederlassen dieser Klappsitze zeigen Letztere
verzierte Grifte, s. g. Backen. An den Wangen zum
Auflegen der Arme befinden sich in der Gegend der Sitz-
bretter geschnitzte Menschenköpfe mit den verschiedensten
Kopfbedeckungen.

Die Rückwand des Gestühles enthält scböne Säulen-
schafte in Pfeilerform, wodurch sie in zwölf Felder ge-
theilt wird, während jene Schäfte durch reichgeschnitzte
Baldachine unter sich ihre Verbindung finden; über den
Baldachinen gewahren wir sodann die Schalldeckel; die
Verschallung wird aussen durch herrliches Rehenranken-
Ornament geschmükt. Als Abschluss der beiden Sitz-
reihen gegen den Hochaltar erscheint je eine Statuette
unter Baldachin, an den entgegengesetzten Abschlussseiten
gegen das Chorgitter theilweise verstümmelte Heiligen-
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