Allgeyer, Leo
Die Münsterkirche zu St. Nikolaus in Überlingen: ein Beitrag zur Baugeschichte und ästhetischen Würdigung des mittelalterlichen Denkmals — Wiesbaden, 1879

Seite: 70
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dersteine fast unlösbar verbunden sind, der kann kaum
zu der Ueberzeugung gelangen, dass eine Translokation
der Kapelle von einem andern Orte an ihren gegenwär-
tigen Standplatz je stattgefunden haben dürfte. Wenn
auch technisch eine Versetzung ohne die Gefahr bedeu-
tender Beschädigungen, für ausführbar gegolten hätte,
musste doch auch damals schon die Frage im Vorder-
grunde stehen, ob die Ueberführung einer mit grosser
Mühe und Gefahr abzutragenden Kapelle und deren Wie-
deraufbau nicht mit weit mehr Umständen und Kosten
verbunden sein würde, als die Erstellung eines volligen
Neubaues ?

Nun zeigt aber die Ueberlinger Oelberghalle, weder
die bei einer solchen Prozedur fast unvermeidlichen
Brüche und Beschädigungen des Gesteins, noch anderes
als ganz exaktes Gefüge; sie erscheint heute noch wie
aus einem Gusse und kann schon desswegen ihrem jetzi-
gen, kein anderer Standort vorausgegangen sein. J. Eise-
lin beschränkt allerdings die Mythe der Translokation
auf die Figuren. Allein selbst diese Annahme scheint
mir nicht stichhaltig. Eiselin spricht nämlich von „Chri-
stus, dem Engel und den drei Jüngern in Kolossal-
figuren" s7), während die schlafenden Jünger fehlen und
dieselben bei dem beschränkten Räume der Halle über-
haupt nie vorbanden gewesen sein konnten, so lange
die Grösse der gegenwärtigen Christusfigur als bestim-
mend für die übrigen Statuen betrachtet werden muss.
Ueberdiess können die beiden vorhandenen Figuren nicht
einmal einem und demselben Verfertiger zugeschrieben
werden.

Ueber das Alter dieses Oelbergs herrschen über-
haupt schwerverständliche Ansichten. Nach dem, was
Herr Dr. Marmor aus „Chr. Schulthaiss Collektaneen

?) J. EiBClin, Gesch. and Bcßchr. von Constanz 1851.
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