Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 1.1881

Seite: 47
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Gutachten von Vr. 2l. Essenwein,

Direktor des germanischen Musenms zu Nürnberg
über

die Restauration und Ausstattuug des Inueru des Alünsters zu Loustauz.

ssry.

Durch die Milnstcrstiftungscommissien in Constanz aufgeforderst ein Gutachten über die Restauration
nnd künstlerische Ausstattung deS Jnnern des Münsters zn Constanz anzufertigen, habe ich diese Kirche genau
nntersucht und die Frage. was in dersetben zn geschehen habe, grnndlich überdacht. Ich bin dabei zn dem
Resultate gekomnien, dast, ehe mit Aussicht auf Erfolg ein Projekt aufgezeich.net werden kann, eine Reihe von
Einzelfragen erörtert und manche Vorarbeit vorgenommen werden muß. Es muß, wenn nicht die viele Arbeit,
welche die Anfzeichnung und detailierte Ausarbeitung des Projektes mit sich bringt, vergeblich sein soll, zunächst
dcr Umfang der Gesammtrestauration festgestellt und die einzelnen Aufgaben untersucht, deren Tragweite
crörtert und Beschluß gefaßt werden, ob anch dic daraus gezogenen Consequenzen getragen werden wollen.

Wenn mir wiederholt schon die Aufgabe gestellt war, Restaurations- oder Ausstattungsprojekte
fnr Kirchen zu entwerfen, deren Jnnenban eine vollständige architektonische Einheit zeigte, deren Ausstattungs-
material aber theilweise vorher beseitigt war, so daß eine gänzliche Neuherstellung eintreten mnßte, oder daS,
soweit es vorhanden war, mit dcm Bauwerke selbst vollkommen stimmte, so daß nnr etwa eine genau dazn
passende Ergänzung nothwendig wurde, so liegt hier eine andere vollkommen entgegengesetzte Aufgabe vor.
An die Herstellung einer absolntcn architektonischen Einheit kann beim Constanzer Münster nicht gedacht
werden. Es muß hier vielmehr eine der Geschichte des Baues entsprechende Mannigfaltigkeit crhalten werden,
die im wesentlichen malerisch wirkt und die durch den historischen Hauch eincrseits, durch die Einheit der
Aufgabe anderseits auch eine künstlerische Einheit in höherem Sinne zeigt.

Die ideale Aufgabe muß zunächst vom kirchlichen Standpunkte aus betrachtet werden, dann erst
wird die Lösung vom knnstlerischen Standpunkte aus richtig aufgefaßt werden können. Jn Bezng auf erstere
habcn wir uns gegenwärtig zn halten, daß die Kirche in erster Linie Opferstätte, in zweiter Linie Bethaus ist,
AlS Stätte, wo dem Allerhöchsten vom Priester im Namen der Gemeinde das Opfer daigebracht wird.
würdig ausgestattet, ist ihre Errichtung selbst ein Opfer und dazu nur das Höchste und Idealste genügend,
welches die Gemeinde darzubringen vermag. Als Gebet- und ErbauungSstätte des Volkes muß sie auf dessen
Gemnth wirken nnd wlrd dieS nm so mchr thun, je idealer nnd geistiger ihre Erscheinung ist. Der Münster
zn Constanz ist aber nicht ein Werk, welches wir nen zu crrichten haben, welches also lediglich nach unscrer
Anschauung zn gestalten wäre. Die Münsterkirche ist ein Werk, in welchem viele Zahrhunderte das Bestc
dargebracht haben, was sie zu bieteu vermochten, indem sie jeweils änderten und hinzufügten, was sie für
besser hielten, als das Bestehende. Zede dieser späteren Zuthaten ist ein dem Herrn dargebrachtes Opfer
und als solches uns ehrwürdig. Jede derselben, wie das ursprüngliche Gebäude selbst, ein Andenken an Väter
und Großväter und deßhalb auch unsern Nachkommen werth, denen wir nicht leichtsinnig irgend ein Ver-
mächtniß der Vorfahren entziehen dürfen. Wenn frühere Generationen von dem Rechte des Lebenden, zu
beseitigen und zn verändern, was ihm nicht gefällt, umsassenden Gebrauch machten, so war alles, was sie
fühlten und was sie schufen, der ganzen Generation gemeinsam. Heute haben wir nicht nur keinen eigenen
Stil, um eigenes an die Stelle dessen zu setzen, was wir etwa beseitigen werden; wir haben auch keine
Gemcinsamkeit der Empsindung und eben gerade das, was etwa der Eine verachtet und entfernen würde,
wird von Anderen geschätzt und seine Entfernung würde lebhaft bedauert und betrauert werden. Deßhalb ist
ernste Prüfnng dringend nöthig. Wohl habcn w i r das Recht, das Hans Gottes so einzurichten, daß w i r
erbaut werden, daß wir es als würdige Opferstätte erkennen, auch wir haben die Psticht, dem Buch der
Geschichte, welches die früheren Generationcn aneinandergereiht haben, ein Blatt beizufügen, welches den Nach-
kommen von uns erzählen wird, aber wir sind verpstichtet, wenn wir nicht blos hinzufügen, sondern auch
bescitigen, sorgfältig zu prüsen, ob dies unbedingt nöthig sei.

Der Münster ist in seinem Kerne romanisch. Aber nur Weniges tritt mehr in charakteristischen
Detailformen der romanischen Periode znr Erscheinung. Die Periode der Gothik hat wesentliche Umgestaltungen
vorgenommc», die Periode der Renaissancc noch reichen Schmnck hinzugefngt, welchem sich massig nnd impo-
nirend die Werke der Barockzeit beigesellen. Das Rokoko ist kanm vertrcten, dagegen hat der nüchternfte
Zopf wieder hinzugcfngt, was cr fnr das Bcste hielt. Dnrch alle diese Zuthaten ist die Stileinheit gestört,
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