Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 1.1881

Seite: 48
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aber es ist theilweise em malerischer in seiner Weise harmonisch wirkender Gegensatz entstanden, welchen wir
nicht aufzuheben branchen, weil er ebcn harmonisch wirkt. Freilich ift dies nicht durchgehendö der Fall. Es
läßt sich der Eindrnck der Nüchternheit nicht läugnen, welche da und dort herrscht, und wo wir uns als
Lebende auch das Recht nehmen dürfen, in unserm Sinn zu verbessorir

1. Vor allem gilt dies von der Stuckaturarbeit des ChoreS. Wohl mag auch die ballsaalartige
Nüchternheit dcr Stuckaturen in Chor und Querschisf, welche der Zopf beigefügt hat, in ihrer Weise Beachtung
verdienen; sicher crregt sie das Jnteresse durch ihre sorgfältige Aussührung. Auch ist sie dermaßen ins Auge
springend, daß der ganze Charakter deS Constanzer Münsters dadurch bedingt wird und das Volk sich daran
gewöhut hat. Die Frage der Entfernung dieser Stuckaturen muß deßhalb als die wichtigste Vorfrage zunächst
entschieden werden. Jch nehme keinen Austand die Entfernung zu beantragen und zu befürworten, eben gerade
weil sie die Erscheinung so mächtig beeinslussen, dieS aber in einer Weise thuu, welche mit meinen Anschauungeii
von dem Eindruck, den eine Kirche machen soll, sv wenig übereinstimmt Wenn ich auch ihren Werth nicht
verkenne, so scheint mir derselbe doch durchaus nicht groß genug, um die Berechtigung in sich zu schließen,
den kirchlichen Eindruck zu stören und die Harmonie eines großen Ganzen aufzuheben. Mit deren Beibehal-
tung aber kann ich nicht glauben, eine befriedigende Restauralion durchführen zu können.

2. Die Gewolbe selbst iu Chor und Querschiff gehöreu nicht der ursprünglichen Architektur an.
Chor nnd Querschifs wareu bis zum 15. Jahrhundert nicht gewölbt, wie aus den ehemals innen sichbaren
Wandstächen über dem jetzigen Gewölbe sich erkennen läßt, die noch höchst interessante Reste spätromanischer
Wandmalerei tragen. Sicher würde es wünschenswerth se-n, wenn diese ursprüugliche Erscheinung wieder
hergestellt werden könnte. Aber die Beseitigung der gothischen Gewölbe ist unmöglich und so muß dieses
interessante Denkmal mittelalterlicher Wandmalerei für immer den Blicken entzogen bleiben. Die Dekoration
des Chores nach Beseitigung der Stuckaturen wird nnter Zugrundlegung der vielen schönen Muster gothischer
Wandmalereien, welche der Münster bietet, geschehen können.

3. DaS Gewölbe des Mittelschiffs, im Schlusse des 17. Jahrhunderts eingesetzt, verdeckt ebenso
wie die Gewölbe von Chor und Querschiff Reste alter Wandmalerei, welchc über demselben zu Tage treten.
Hier würde eher als im Chor die Möglichkeit gegebeu sein, sie wieder zum Vorschein zu briugen. Wohl
ließe sich eine künstlcrische und eine kirchliche Erscheiuung recht gut mit Beibehaltuug deS Gewölbes erziele»
und die Frage ob dies geschehen, oder ob das Gewölbe herausgenommen wcrden soll, muß ruhig und ohne
Voreingenommenheit gelöst werdeu. Weun ich für die Beseitigung mich auSspreche, so leitet mich dabei eine
Reihe von Gründen. Währeud im Chore und den Quersckiffen, ebenso wie in deu Seitenschifseu keine
charakteristische Form mehr an den romanischen Stil erinnert, während dort der gothische überall charakteristische
Bildungen cntwickelt hat, so hat das Mittelschiff die alten romanischeu Formen beibehalten, daß diese dort
tonangebend sind und eine harmonische Wiederherftellung in romanischem Stile sehr wohl möglich ist; da wäre
denn die Wiederherstellung der stachen Täfeldecke um so erwünschter, als Reste derselben sich an der Unterseite
des Dachstuhles noch befindcn, die, so geringe sie sind, doch noch genügende Anhaltspunkte sür die Rekon-
struktion geben, indem sie zeigen, daß die Decke ehemalö jeuer der St. Michaelskirche in Hildesheim
ganz ähnlich gewesen sein muß. Eine Leiste in etwa C- der Schiffweite unmittelbar vor dem Triumphbogen
zeigt einen nackten Fuß, welcher von einer Nujestus Ooinini herrühren muß, sowie eiu Paar betender Hände
welche auf Maria und Zohannes den Täufer hindeuten, die zu beiden Seitcu Christi knieten. Zndem die
Dreitheilung der Felderdecke der Breite nach die Größe der Quadrate angibt, ergebeu sich der Länge nach
dereu elf, uud es läßt sich somit die alte Decke vollständig wieder an den alten Dachstuhl des 13. Zahr-
hunderts anbringen, der sie schon eiumal getragen. Abgesehen von dem Stile der wenigeu Malereireste an
der Mittelleiste läßt sich auS deu Rahmstücken, die läugs beider Wände hingehen, beweisen, daß es nicht etwa
um eine spätere, sonderu um eine Dccke aus dem Schluß der romanischen Periode handelt, deren Reste hier
erhalten sind, weil der Verputz, auf welchem die Reste der romauischen Wandmalerei erhalten sind, au jene
Rahmstücke angeschlossen ist, welche schon an ihrer Stelle gewcsen sein müssen, bevor jener Verputz hergestellt wurde.

Man wird jedoch den Einwand geltend machen können daß jenes Gewölbe nicht nur den Eindruck
der Monumentalität des Baues mehre, sondern auch thatsächlich demselben eine Sicherung gegen Feuersgefahr
biete, falls einmal die mächtigen Hölzer des alten Dachstuhles iu Flammeu aufgehen sollten. Das ist aber
thatsächlich nicht der Fall. Das weitgesprengte flache Gewölbe würde die nicht auf ciu solcheö angelegten
Mittelschiffmauern wohl sofort auseinander gedrängt haben, wenn nicht dasselbe durch ein eiserues Hängewerk
vom Dachstuhlc getragen würde. Es würde also sofort eiustürzen, wenn das Gebälk>5 abbrennen würde.

lFortsetzimg folgt).
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