Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 1.1881

Seite: 57
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5. Das Alünster in der Barockzeit.

Doin Iahr 1680 an blieb nnser Lamverk ein Iahrhundert ohne weitere Authaten.
Als jedoch der Aarockstil au die j)rivat- und Kirchenbauten herantrat, war ihm auch Linlaß
im Alünfter gewährt. Die Bischöfe von Ronftauz, welche zu Leftzeiten aus ihrein im
neuen Zeitgeschinack erbauten Residenzschloß in Ateersburg* *) ihre Rathedralkirche besuchten,
mochten dieselbe allzu einfach und einer weiteren Ausschmückung bedürftig sinden. Auch
das Dom Rapitel paßte mit der Ausftasfirung seiner Longue-j)erücken wenig in die alten
ernften «Lhorräume. Da war der Varockftiel Löelser in Nöthen; während ^rankreich uns
seine Alodeartikel bot, legte der sranzösische Architeet Dixuard dem Rapitel und dem
Bischos Alaximilian de Aodt, den j?lan vor, den oberen Lhor im neueften !balonftil aus-
zuschmücken. Mas damals an Alalereien in den gothischen Gewölbekappen vorhanden
war, ift wohl schwerlich jemals herauszufinden. Aie Deckenselder wurden nun in starkem
Gxpsrelies cassettirt. Die schön gearbeiteten Rämpser maskirte man mit Gxps, die gothischen
Gurten wachsen jetzt wie Vlattrippen aus einem singirten j)almstamm heraus.

Die alten Henfterössnungen von der bischösiichen Rapelle in den Lhor wurden mit
modernen vergoldeten ^enstern versehen und gleichen jetzt einer Theaterloge, diesen gegenüber
wurden der ^vmmetrie halber solche zum Zcheine ächt theatralisch nachgeahmt. In einer
b)öhe von etwa t2 ^uß zieht sich eine ächts Alarmorverkleidung hsrum in röthlichweißer
Alischung. Bei den ^edilien ist eine j?orta imitirt. Aus den beiden Thorseiten sind die
4 Gvangeliften in b)autrelies aus Gvps angebracht und überdies sind die Mände mit
mancherlei Insignien, welche in Aanken und Guirlanden eingemengt sind, verziert. Der
Lußboden und die ^>tiegs waren ebensalls in Alarmor hergeftellt. Oixnard erhielt vom
Rapitel sür diese Arbeit „im Gewölbe und oberen Thor" 20000 si.

Dixnard hatte einen gelehrigen ^chüler in dem Baugehilsen ^erdinand B ickel,*)
bürgerlich in Oonaueschingen. Diesem war die ^ortsetzung der Arbeit übertragen weil
er am beften mit „Oixnard's Bau und Venkart" bekannt war. Lr schmückte im selben
!5>til die Deckenselder der Bierung und des (>)uerschiffes. Ueber den Archivolten der
Oierung brachte er die hl. Iungsrau mit dem Diözesan- und bischöflichen wappen an.
Kir diese Arbeiten erhielt er anno 1778 12 200 si. Zu dieser Ausschmückung paßte im
Tbor das alte Geftühl nun nicht mehr. Bickel brachte es dadurch in Lsarmonie, daß er
„die obern und untern Thorstühle sowohl im Thor als Außen durchaus gleich liecht- und
Berlsärbig weiß sassen und mit gutem dauerhastem Lacksürneis überziehen, die Kguren
weiß machen, deren Insignien absr und die tauglichften Uerzierungen . . . vergolden
ließ." Lr meinte auch, man solle die Rrone der Thorftühle . . . abheben, und auf die
kleinen Zwischensäuler neue geschnittene Urnen ftellen."

Das mochte selbst der Barockzeit zu viel gesordert heißen, die Bekrönung blieb.
Alit der Dixnard'schen und Bickel'schen Reftauration war das Bauwerk entsetzlich entftellt;
der Arbeit an sich dars man Geschmack und Runft nicht absprechen; sie paßte überallhin,
nur nicht zur Ueberkleidung eines Gotteshauses, das in der ernsten romanischen Aeit des
U. Zhdts. war erbaut worden.

wir werden auch nie mehr den Lindruck des ehrwürdigsten Alters unseres Domes
herstellen können, wenn demselben nicht dieses erborgte Barockkleid abgenommen wird,
so koftbar auch einstmals dessen Beschaffung zu stehen gekommen ist.

*) Das neue bischöfliche 5chloß in Neersbnrg erbaut von Bischof Anton von Säckingen iin Jahr ^750.

*) Ferdinand Bickei war ksochfürstlicher Ronstanzischer Baudirektor, nahm an Aonstanz und seiner Geschichte regen
Antheil und setzte die Lhronik seines Schwagers Franz Faver Leiner fort.

(Fortsetznng folgt.)
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