Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 2.1882

Seite: 12
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/alte_konstanz1882/0020
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Stand der Restaurationsarbeiten

des

Ronstanzer Münster s?'

^eitdem wir in unserem letzten Berichte (vgl. lseft III. Mt) den Restaurationsarbeiten ein „Gliick aufl" zu-
gerufen haben, ist wenigstens ein kleiner Vorsprung gewonnen worden.

Die S t. !N a u r i t i u s k a p e l l e hat den Altarschmuck erhalten. Nach Entwiirfen des Grzb. Bauinspectors Bär
erstellte der Bildhaner I. Lberle in Ueberlingen den Altaranfsatz und die Mensa. Uebcr dem prachtvollen Mittelbild erhebt
sich ein schlanker Mimperg, die lsohlkehle in der Ulensa hat ein vorznglich ausgefiihrtes Laubwerk, die Fnllungen in den
gothischen Feldern ist reiches, meist vergoldetes Grnament. Die Natnr der Sache verlangte, daß der Tomxositeur und aus-
führende Aiinstler der Umrahmung "eines Velgemäldes entsprechend den Altaraufsah ohne hervortretende Wiinperge nnd

Fialen ausfnhrte. An der Riickseite der Aapelle ist ein reichverzierter Lhorftuhl mit feinem Schnitzwcrk. Ivir vermiffen nur

noch den uns gewohnten Anieschemel, welcher durch eine leichtgehaltene vergoldete Schmiedeisenarbeit gut hergestellt werden kännte.

Die ganze Uapelle des hl. Ulauritius macht jetzt den schönsten Lindruck, wir möchten sie im guten Sinn des Ivortes
eine „vornehme" nennen. Auffallend ist, wie gegen Grwartcn die brillanten Farben des aus dem Iahre lZ2Z stammenden
Gemäldes dcs Altares durch das farbige Licht des Glasgemäldcs nicht nur nicht verloren, sondern gewonnen haben. Uns
ist dieses ein Beleg der früher so weise erkannten lvahrheit, daß die Künste, welche gemeinsam ein Nleisterwerk ausführen
sollen, einander die nöthige Rücksicht angedeihen lassen müssen. Ulöge auch hierin die alte Zeit uns stets Lehrmeisterin bleiben.

Im verlauf des Sommers wurden vier weitere Nlaßwerke eingesetzt und zwar in die St. Iosefs-, St. Ulag-
dalena-, St. Anna- und St. Katharinakapelle; sämmtliche sind von lverkmeister Iosef Nlerk gefertigt nach
den Anweisungen des Lrzb. Bauamtes. Die öffentliche Nleinung hat sich daran gestoßen, weil die Füllungen zu wenig Ab-

wechslung zeigen. Ein wohlineincnder Lorrespondent hat dabei auf die Reichhaltigkeit dcr Formen des Nreuzgangs hin-

gewiesen. Dem Architekten genügten vier Nlotive, die sich in den Aapellen wiederholen sollten. In der That dürfte es
nicht schwer sein, auch jetzt noch dem Ivunsche eines mit dem Lauwerk sympathisirendcn jdublikums zu entsprechen und die
Nlaßwerkformen an den noch zu erstellenden Uapellonfenstern zu vermehrcn. Abgesehen von diesen Differenzxunkten ist das
Publikum sehr dankbar nnd erfreut über diesen neuen Schmnck ihres Gotteshauses. Besonderc Nmstände haben die ^snan-
griffnahme der Ausmalung dieser vier Aapellen verzögert, indessen hoffen wir, daß auch währcnd des Spätherbstes und Ivinters
diese Ausführungen möglich seien, wenn man die Fensteröffnungen verglast. Die Glasmalereien sollen bei Zettler in
Nlünchen und bei I) e l m l e - NI e r z w e i l e r in Freiburg zur Ausführung kommen. Der Dekorationsplan für die St. Anna -
kaxelle ist vom Lrzb. Bauamt entworfen im Stil der Renaissance. Ausgcheud vom Lssenwein'schen Gutachten, daß bei
der Restauration der Seitenkapellen die verschiedenon Stilformen, wie sie hiftorisch im Nlünstcr zur Anwendung gekommcn
sind, zur Geltung gelangen dürften, hat Bauinspektor Bär in Frciburg eutsxrechend dem Altar und der Stuhlung genannter
Aaxelle die Form der deutschen ksochrenaissance gewählt. Dein cutsprechend soll auch das Glasgcmälde gehalten sein. Nach
reiflicher Ueberlegung und nach Linholung eines abermaligen Gutachtens des Direktor vr. Lssenwein einigte man sich mit
dem Lrz. Bauamt dahin, daß die St. Annakapclle und noch etwa zwoi andere Aapellen in diesem Stil sollten gehalten werden.
Darnach bleibt für die wcitaus größere Zahl der Aaxellen trotz des Renaissancemobilars der gothische Stil maßgebend. Die
Altäre genannter Aapellen sollen erhalten bleiben und sind ebcn in der Restauration begriffen. Zwei Altarbilder sind wegen
ihres ruinösen Zustandes zu erncucrn, ein drittes die hl. Familie wurde durch Aunstmaler L u tz in Freiburg schön restaurirt.
Nlanchmal möchte es diejenigcn, welche mit den Arbeitcn unmittelbar zu thun haben, zu größerer Lile drängen, und wie
gerne sähen wir die vier Bretterverschläge fallen und anstatt dessen das farbige Licht ins Gotteshaus einstrLinen — allein
„eile mit Meile" heißt es auch hier. Ls erheben sich oft unerwartete Schwierigkeiten, die dem großen jdnblikum ferne
bleiben: !vir hegen gleichwohl die ksoffnung, daß unsere Gönner dcßhalb nicht ermüden werden, »ultru posse vemo tenetnr.«

Auf dem INünsterdach arbeiten gegenwärtig Iiinincrleute, Steinhauec und Flaschner an der kjerstcllung eincs Dach-
kanals und eines Schneefangs sür das Dach des Mttelschiffs; der Aändel aus Bleiblech wird nnmittelbar auf das romanische
Dachgesimse aufgesetzt, er ist groß genug, um die Waffermenge zu fassen, die früher nnmittelbar auf die Seitendächer herab-
schoß zum großen Schaden der Ziegel und der Gewölbe. Der Sturm ist allzeit ein wüstex Patron für das Münsterdach
gewesen, hoffentlich hat ihm diese Neuerung manche Zerstörnng niimöglich gemacht. Die Aosten bestreitet die Großherzogliche
ksofdomäne, weil sie die Nothwendigkeit dieser Arbeiten zum Schutze des Bauwerkes wohl erkannt hat.

>2
loading ...