Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 2.1882

Seite: 27
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Rheine oberhalb Morms gslegenen Ltüdte (eivitatss) „seouiiäum prLötatum ^uariäum^ anf-
gefübrt, wis folgt: Mripo, LMira, kor?.a, ^rKöutaria, cjuao luoäo 8trati8burZo äieitur, broLoolra,
LaLöla, ^uKU8ta, 6ai8t6ua, 6u88auAita, UrLaolra, 6 ou 8 tautia, kuAiuiu, lloäuuKO, ^rbor kelix,
llraoautia.*) L)ier ist außer der unten zu besprechenden Rubricirung „oivitat68°° die
Ltrenge und ausfchließliche Beibehaltung der lateinischen Benennung bei den vormals
rätoromanischen Ltädten Ronstanz, Tlrbon und Bregenz bemerkenswerth. Lis ist um so
charakteristischer, als die meisten andern ehedem römischen Grte der Rheingegend schon
mit den späteren deutschen oder verdeutschten Namen aufgeführt sind. Gffenbar war in
den genannten Bodenseestädten die alts römische Benennung noch geläuffger, es hatte
dort dis romanische Bevölkerung dem deutschen Llemente noch nicht völlig weichen müfsen.

Lehr wichtige Zeugnisse für diese Ansicht bietet uns die dem 8. Iahrhundert
angehörige vita 8. Oalli, nach welcher um 6(0 die den Bregenzern in lateinischem Dialekte
gehaltene**) Bekehrungsrede des hl. Gallus noch wohl verstanden und selbst um 650 noch
die Leute aus der Gegeud von Arbon noch komaiü genannt wurden.***) In derselben
O^uelle ist ferner bezeugt, daß bei Ankunft der irischen Alissionäre am Bodensee hier das
von den Aömsrn ererbte Lhristenthum nicht erloschen war, im Gegentheile selbst unter
den alamannischen Ansiedlern schon Murzel gefaßt hatte. wenn auch zu Bregenz in der
alten Airche der hl. Aurelia der christliche Lult den alamannischen Götzen Ziu, Muothan
und Thonar hatte Platz machen müssen, so waren in dortiger Gegend nach der vita 8.
6alli doch noch solche Linwohner, welchs die christliche Taufe und christlichen Unterricht
erhalten hatten. In Arbon aber fanden die Alissionäre eine förmliche Thristengemeinde
und an deren Lpitze einen Leutpriester Namens Millimar mit einem Diakon bsiltibold und
zwei weitern bfflfsgeistlichen Akaginold und Theodor, während in Ronstanz sogar ein
Bischof residirte, der — wohl selbst ein Aomane — den romanischen Namen Gaudentius
führte. Ts ist aber keine ^rage, daß das Vorhandensein dieser christlichen Gemeinden in
Tlrbon und Ronstanz mit der Horteristenz der dortigen romanischen Linwohnerschaften
aufs engste zusammenhängt.

In der Aosmographie des Aavennaten sind Ronstanz, Arbon und Bregenz als
„oivitat68" neben einander gestellt. Die vita 8. Oalli bezeichnet der B. Gaudentius als
epi^oopUZ nrbi8 Ooii8tantia6, die Ltadt an einer andern Ltelle auch wiederum als oivita8,
welche beiden Attribute dem Grte Konstanz in den fernern (Auellen ber ^ränkischen Zeit
verbleiben, wohingegen Arbon in denselben gewöhnlich nur als „oa^trum", aber zugleich
auch als Lentene (xa§u8 ^rboummm, Arbongau) erscheint. Aies erinnert zunächst an die
römischen Ltadtgebiete (oivitat68), welche in den unter deutsche cherrschaft gekonunenen
Ländern biswsilen noch als Gaue oder, wie hier bei Arbon, als jchmdertschaften fort-
lebten. f) Auch bei Ronstanz werden wir einen derartigen Distrikt, paMllu8 „Bischofs-
höre" zu besprechen haben. 0ivita8 oder urb8 werden aber in frünkischer Zeit nurmehr
die mit Alauern, Thürmen u. dgl. befestigten Grte von einiger Michtigkeit, m. a. w. die

*) K5>.V6III1. MOll. 608w0KrLxIi. IV. Z 2S.

**) (Zum ills iutor ulios smiusdut Isxors 1utiiiituti8 iiss usii st iäioius. i1Iiii8 Asnti8. Dieses Idiom
war somit kein deutsches, sondern ein romanisches. Als der hl. Gallus einige Iahre später vor einer aus ganz Süddeutsch-
land zusammenberufenen Versammlung von Klerikern und Laien anläßlich der wahl B. Iohannes I. von Uonstanz in dortiger
Uathedrale predigte, mußte B. Iohannes dessen Morte den versammelten erklären. Der hl. Gallus hat also auch hier latei-
nisch gexredigt und der Bischof das vorgetragene ins Deutsche iibersetzt, Letztcres nicht wegen der Bewohner von Uonstanz,
sondern wegen der in großer Zahl herbeigekommenen Deutschen.

***) Vitu 8. üulli bei pertz' moii üsriii. II. pu§. 18 n. 19. I8ti Roinuiii inMiiiosi suiit, sagten die Franken
von den Leuten aus dem Arboner Gau, welche bei einem Linfalle der Franken um 650 sich nach St. Gallen geflüchtet hatten.

s-) waitz, deutsch. Verf.-Gesch. S. 277 solg.
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