Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 2.1882

Seite: 38
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allei» der Zchlus; all' meincr Lrwägiuigen lief stets darauf hinaus, daß fede im künstlerischen Sinne aufzufassende Restauration
an diesem Gewölbc scheitern müsse. kvärc dasselbe analog den Gewölben im Lhor- und Kreuzschisfe ansgeführt, so kämc
dessen Leseitigung überhanpt nicht zur Lrörterung, oder wäre es ein schönes Renaissance-Gewölbe, wie es ja deren mehrere
gibt, so ließe sich auch dieses noch in Rebcrcinstimmung »üt dom übrigen bringen; aber ein absolut st^l- und sorniloses Ge-
wölbe macht jeden Rersnch einer künstlerischen Gestaltung zu Schanden. Die Beseitigiing dieses Gewölbes erscheint jedoch auch
unter dem rein technischen Gesichtspunkte als ein Gebot der Nothwendigkeit, da dessen Lristenz wie bekannt lediglich von
der Ausdauer der darübcr bestndlichen Balkenlage abhängt, an welche es sanimt seinen Widerlagen durch Gisenverbindnngen
direct befestigt ist.

wie historisch nachgewiesen ish so wurden schon bei der Ausführung dieses Gewölbes Zweifel regc über dessen
Dauerhaftigkeih welche an ihrer Berechtigung nichts verloren haben und wenn anch nicht gesagt werden wilh daß augen-
blicklich eine Gefahr droht, so steht doch der Gedanke einer vorznnehmenden Restauration, welche sür Iahrhunderte hinaus
berechnet ist, in zu grellem Midersxruch mit der Erhaltnng dieses Gewölbes, dessen fernere Existenz nur nach Iahrzehnten
bemessen werden dars. Der Umstand, daß sich an der, aus der Erbauungszeit dcs Münsters staminendcn, über diesem Gewälbe
befindlichen Balkenlage noch die hochinteressanten Ueberreste einer bemalten hjolzdecke und an den Mänden die Reste dekorativer
Malcrei vorfindcn, wodurch genau vorgezeichnet ist, in welcher Weise das Mittelschiff wieder herzustellen sein wird, crscheint
zwar als ein hochbedeutsamer Factor in dieser wichtigen Frage, doch möchte ich denselben an und sür sich nicht als Ausschlag
gebend hinstellcn. Im Zusammenhange jedoch niit den srühcr angeführten Griinden gegen die Lrhaltung dieses Gewölbes
gewinnt derselbe an Bedeutung nnd benimiiit nür wcnigstens jeden Zweifel über den Meg, welcher hier einzuschlagen ist,
als dessen weitere Folgc sich dann auch die Miederherstellung der romanischen Fenster im bsochschiffe crgibt nach den am
Lhore erhaltenen vorbildern.

Bei Besxrechung der weiter vorzunehmenden Arbeiten nehme ich somit das im 5inne des Romanismus wieder
hergestellte Langschiff, wie dasselbe auch sicher bis zum Schlusse des vorletzten Iahrhnnderts erhalten war, zum Ausgangs-
punkte. Durch kjerstellung der großentheils bemalten ksolzdecke nnd der sarbigen Manddekoration wird das Llement der Farbe
im Innern überhaupt wieder znr Geltung gebracht und wird es nun Sache der Aussührung sein, die Bemalung der Gewölbe
hiemit in Uebereinstimmung zu bringen. Vb fich nach Gntfernung der Tünche von sämmtlichen Gewölben des Münsters
ansreichende Spuren einer früheren Bemalung vorfiuden, welche als Anhaltspunkte fiir die Neubemaluug zu gebrauchen sein
werden, mag dahingestellt bleiben. Sollten sich keine Malercien vorfinden, so könnte ich diesen Umstand doch nur als einen
zufälligen ansehen, da die Bemalung im Princixc lag und das Fchlen derselben beinahe durchaus dem Mangel an Zeit und
Geld zuznschreiben ist.

An Anhaltspunkten sür die Bemalung dieser Gewölbe ist übrigens am Münster selbst nnd an den Bauwerken in
der Umgebung von Uonstanz kein Mangel und verweise ich nntcr anderen nur aus den Thor der Stistskirche in UUttelzell,
wo sich sehr schöne Gewölbemalereien vorfinden. Das dort zur Anwendung gebrachte System der Dekoration erscheint mir
besonders deßhalb für die tUölbungen des Ulünsters als maßgebend, da letztere zumeist dcrselben Stylrichtung angehören;
eine vollständige Sättigung diescr Gewälbe mit tiefen Farbtönen würde ich weder dem Geiste dieser Architektur entsprechend,
noch sür die Gesammtwirkung als günstig ansehen können. Die Glasmalereicn, welche in ihrer Lonception der sie nm-
rahmenden Architektur folgen müssen, dürften wohl im Jntcresse der Beleuchtung des mächtigen Innenraumes wesentlich
licht zn halten sein; vielleicht würde es sich sogar empfehlen in dcn Fenstern dcr Kreuzarme sogenannte Butzenscheiben
anzuwenden mit farbigcr Touronnenicnts und sarbiger Tinfassung.

lvas nun das Ulobilar betrifft, so will ich mich hier auf die Besprcchung zweier Gegenstände beschränken, welche
von hervorragender Bedeutung sind. Die Entsernung des Barokaltares aus dem Thore bedingt die lserstellung eines neuen
lsochaltares. Der ursprüngliche kiochaltar, unzweifelhaft ein sogenannter Liborienaltar, erhob sich über einer in der Aryxta
befindlichen Tuniba nnd entsprach somit ganz der zu jener Zeit gebräuchlichen Anordnung. Dieser erste Altar wurde zwcifels-
ohne gleichzeitig mit der Aufstellung des xrachtvollen gothischen Thorgestühles durch einen entsxrechenden gothischen Altar ersetzt,
über dessen Gestalt keinerlei Nachrichten auf uns gekommen sind. Es liegt daher nahe, den neuen Altar ebenfalls wieder im
gothischen Stylc und in Uebereinstimmung mit dem Lhorgestühle zu halten, da sich ein Liborien-Altar nur sehr schwer in die
jetzige Umgebnng einfügen ließe, abgesehen von den vielen sonstigen Schwierigkeiten, welche mit der Aufstellung eines solchen
hier verbunden wäre.

Nächst dem kjochaltare verdient die Brgel eine besondere Aufmerksamkeit Schon der Drgelchor gehört zu den
merkwürdigsten Gebilden jener sturmbewegten Zeit, wo die alten Traditionen der Aunst mit den neueren Anschauungen ini
Aampfe lagen. In deni Grgelschreine d. h in den erhaltenen prachtvollen Resten desselben ist wohl der Sieg zu Gunsten
der Neuerung entschieden, aber die alte Tradition klingt noch in lieblicher Weise nach. Aus den Elementen dieser Ueberreste
eincn neuen Schrein zu entwickeln halte ich für eine würdige und unerläßliche Aufgabe der Nestauration.

kjiermit glaube ich die sür eine Restauration principiell wichtigsten punkte berührt — und die Richtung gekenn-
zeichnet zu haben, in welcher sich dieselbe nach nieiner Ansicht zu bewegen haben wird. ksiebei fühle ich recht wohl, daß
dieser Bericht nicht im entferntesten ein erschöpfender ist, und sich im Laufe der Aussührung noch eine Reihe ungelöster
Fragen ergeben wird, welche im Vorhinein kaum geahnt werden können Die volle Erkenntniß dessen, was in jedem Falle
zu geschehen habe, kann eben nur durch fortgesehte kritische Studien des Bestehenden erlangt werden.

lvird nun der Grundsatz festgehalten all' das Schöne und verrliche an Aunstwerken der verschiedensten Richtung,
welche das Minster enthält, je nach seiner lveise zu erneuern und pietätvoll das historische Moment auch in Nebendingen
zu wahren, so muß diese Restauration nicht nnr an und für sich gelingen; sondern sie wird auch zum segensreichen vorbilde
werden für alle ähnliche Restaurationen kirchlicher Baudenkmale. —

wien, den 2t- Iuli ;88z.

N. ^-chmidt, k. k. Gberbaurath.
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