Münsterbau-Verein <Konstanz>   [Hrsg.]
Das Alte Konstanz: Stadt u. Diöcese in Schrift u. Stift dargest. — 2.1882

Seite: 53
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des

Lrzbischöflichen Bauinspectors L)errn Bär in Lreiburg i. B.

kjoher Behörde beehren wir uns in obigem Betreff nnd zn Folge der cmgefiihrten hohen Lrlaffe, sowie unter
Riicksendnng dcs Berichtes des lNünsterxfarrers Brugier vom tl- 5eptbr., sowie vom t2. Sextbr. t87S, ferner des Berichtes
der lNiinstcrstiftungskommission Aonstanz vom 2. April ^877, sowie vom 2. Iuli tS79 sammt den beiden Planskizzen dcs
lverkmeisters lllerk in Aonstanz Nachstehcndcs ehrerbietigst zu berichten:

Nachdem wir nochmals von der lNünsterkirche zn Aonstanz Linsicht genommen und mit dem lserrn lNünsterpsarror
in mündliche llerhandlungen getreten, haben wir uns nach sorgfLltigem Studium alles einschlägigen lNateriales über die Art
und Nleise, den Umfang und die Zeitdauer der Restauration des Aonstanzer lNünsters unsere llnsicht gebildet, welche bezüglich
der Beantwortung der an und im Lrlasse vom i^s. Iuli t87g Nr. t377-t gerichteten Fragen dahin geht:

nä 1. Für die lserstcllung des lNaßwerkes in den Seitcnschiffen, resx. Aaxellen wäre ein einheitlicher Plan sür
sämmtliche Fenster auszuarbeiten. Die Detailformon der Fenster müßten sich alsdann mit möglichster Strenge, soweit thunlich,
an alte vorhandene lNotive des Ulünsters anschließen. Wir erlauben uns gleich hier darauf aufmerksam zu machen, daß diese
Arbeit nicht im Submissionswege ausgeschrieben werden kann, sondern daß die Anfertigung fraglicher Steinhauerarbeit einem
in gothischen Formen bekannten und gewandten llleister übertragen werden müßte. Ein solcher lllann wäre sür die vorliegende
Arbeit der Werkmeister lllerk, welcher schon unter der früheren Restauration des lllünsters mitarbeitete, das lllünster nnd
seinc Aunstsormen kennt und auch die beiden schon fertigen lllaßwcrkc in befriedigender lveise angefertigt hat. Sollte die
Restanration mit größeren lllitteln betrieben werden können, so ließe sich eine jc nach Bedürfniß auszudehnendo lllünstor-
bauhütte unter lllerks Leitung einrichten, in welcher die nöthigen Steinmetzen in gothischer Formbildung geübt und sür den
vorliegeudcn Zweck xraktisch ausgebildet werden könnten. Die vorhandenen Steinhaucr verstehen wohl ausnahmslos von
gothischer Steinhauerarbcit wenig oder Nichts.

aä 2. Die Ausschmückung der einzelnen Aaxellen kann ohne Anstand, je nachdem die lllittel vorhandcn sind
vorgenommen werden, jedoch so, daß sür jede einzelne Aaxelle ein einheitlicher plan übcr Ausschmückung der Gewölbe und
lvände aufgestellt und hievon in engem Anschlusse Farbskizze und Larton für jedes betreffende Fenster ausgearbcitet wird.
Dicser einheitliche plan für jede betreffcnde Aaxclle läßt ffch jcdoch erst dann ffxiren, wenn die Tünche an lvänden, Gcwölbe-
flächen und Gcwölbeberixpen cntfernt ist, um zu konstatiren, ob nicht unter der Tünche verborgene dekorative Reste werthvolle
Fingerzeige für die Dekoration geben, oder im Falle diese Reste noch gut erhalton, ohne lveiteres als hochzuschätzender
dekorativer Schmuck mit benützt werden können. von dem Resultate dieser nach lvegnahme der Tünche vorzunehmenden
Forschung wird es dann auch abhängen, ob der in der betreffendcn Aaxelle befindliche Altar in derselben bclassen wcrden
kann oder nicht. Findet man, was schr zu vermuthen, werthvolle lllalereien an der Rückwand, an welcher der Altar auf-
gestcllt ist, so müßte derselbe entfernt und durch einen einfachcn Altar mit möglichst niedcrem Aufsatze ersetzt werden, um die
Ulalerei gcwissermaßen als Altargemälde zur Gcltung und lvirkung kommen zu lassen. Ist dies jedoch nicht der Fall, so
wären wir der Ansicht, die meistens sehr hübschen und intercssanten Altäre, welche eine zwar sxäte, aber zum Theil sehr
originelle Renaissanceformbildung zeigen, in ihren Stellen zn bclassen, da wir der Anffcht sind, das Alte möglichst zu conserviren
und wenn erst die sarbigen Fenster ein gebrochenes und stimmungsvolles Licht verbrciten, wird die stilistische Unglcichheit, die
jedoch nicht ganz zu entfernen, gewiß nicht störend wirken. Auf der andern Seite ist sehr zu berücksichtigen, daß, wenn man
gutes Altes aus stilistischen Rücksichten entfernen will, man die verbürgte Gewißheit haben muß, daß das Neue, was an
Stelle des Alten tretcn soll, mindestens von gleicher Güte und Schönheit sei. lvir könncn aber zu unserm Bedauern den
modcrnen Altäron, welche ans unsern Ateliers sür kirchliche Aunst hervorgegangen sind — Ateliers, die ncbcnbei bemerkt,
einen außerordentlich ausgebildeten merkantilen Lharakter an sich tragen — nur in äußerst seltenen Fällen das prädikat
ertheilen, daß ihren Formen das Lebendige wahrer Aunst innewohne.

lNit dem von Direktor Lßwein angeregten Gedanken, in den Aapcllen auch bezüglich des Stiles der Dekoration zn
variren, also auch Glasmalereien iu Renaissanceformcn in die gothischen lllaßwerke einznfügen, können wir uns nicht befreunden.

Die Dekoration, also die Glas- und lVandmalerei muß sich unbedingt dem Stile der Architektur sügen, die sie

schmückt. lvir können uns ganz gut gefallen laffen, daß in der gothischen Aaxelle ein Renaiffance-Altar steht, den die

Renaissancexeriode da hinoingestellt hat und den wir stehcn lasscn, wcil er nicht den Lharakter des zum Bau absolnt gehörigen
an sich trägt, sondcrn zur innern Linrichtung gehört, aber wir können uns den Begriff einer stilgerecht vorzunehmenden
Restauration nicht zusammenrcimen aus gothischem lllaßwerk und Renaissancefcnstern mit gothischen Areuz- und Stern-
gewölben und Brnament-Dekorationen aus dem t6. und N- Iahrhundert.

lvenn man derartige Stilvermischungen vorfindet, so wird man dieselben bclassen, weil sie jedenfalls interoffant,
ost sogar von hervorragender Dekoration odcr malcrischer Wirkung find, aber wir wordcn doch bei einer stilgerechtcn Restau-

ration nicht eine solche Stilmischung abfichtlich nachahmen, denn sonst würden wir besser moderne Fenster einsetzen, weil wir

uns dann aus dem gleichen Standxunkt befänden, wie jene Architekten des zs. und t-. Iahrhunderts, die ihre eigenen
modernen Dekorationen unbekümmert nm den Stil dcr Airche der gothischen Architektur aufoktroirten. Die Restauration jeder
Aapelle fände alsdann ihrcn stilvollen Abschluß in einem schönen Bodenbeleg und xaffender Fassnng und vergoldung der
abschließenden herrlichen Gitter.

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