Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

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G. Lpeschcke:

die in der Mitte nach oben und unten ausgeschweift war (A. E. F.
G. H. I. K.). „Indem er so den sehnmckvollen Reiz des locken-
umratimten Gesichts der alten Kunst aufgab, gewann er, wie Furt-
wängler zutreffend bemerkt1), grössere Würde und ernste Festig-
keit des Ausdrucks." Aber es will mir scheinen, als ob der Künst-
ler mit diesen Neuerungen noch eine individuelle Wirkung beab-
sichtigt und erreicht habe. Auf mich wenigstens macht die ein-
springende Spitze über dem Nasenansatz und der parallele Verlauf
des nach oben geschwungenen Heinirands mit den Augenbrauen 2),
resp. Augenhöhlenrand unmittelbar den Eindruck des „Eulenhaften".
Die grossen runden Glotzaugen, an denen eine naivere Zeit die
Oed yXcxukujttic; 3A6nvr| erkannt hatte, waren im Ringen nach Mensch-
lichkeit und Schönheit lange vor Pheidias beseitigt worden, dessen
unmittelbare Vorgänger hatten sich aber in ihrer Freude, die Wirk-
lichkeit nachbilden zu können, bis zur Verwischung der gött-
lichen Individualität fortreissen lassen. Trüge ein Kopf wie Ath.
Mitth. VI Taf. VII, 2 nicht den Helm, so würde eine feine und
umsichtige Analyse vielleicht erweisen können, dass er eine Göttin,
nicht aber ein sterbliches Mädchen darstelle, nie aber, dass diese
Göttin Athene sei. Da tritt Pheidias ein. Homerischer als seine
älteren Genossen greift er auf die Volksvorstellung zurück und man-
cher Alte aus Kydathen, dem beim ersten Anblick das Bild der
Parthenos fast unfromm vor Schönheit erschienen sein mag, sah ge-
wiss freudig, wenn sein andächtiger Blick länger in sinnender Be-
trachtung auf dem Antlitz der Göttin Aveilte und den wie spielend
geführten Linien des Helmrands folgte, wie in seiner Phantasie das
uralte liebe Bild der „Eulenäugigen" verklärt wieder auflebte.

Besonders gut lässt sich aber Pheidias Neigung an alte For-
men anzuknüpfen und seine Gabe, diese neu zu beleben, am plasti-
schen Schmuck des vorderen Helmrands nachweisen 3).

1) Ath. Mitth. VI, 188.

2) Bei dem Kölner Kopf wird der Eindruck dadurch geschwächt,
dass die Ränder des Helms bestossen sind. Die Skizze der Varvakion-
Statuette wird deutlich machen was ich ineine.

3) Die Anordnung der Thiere und dass sie mit den Vorderbeinen
frei vorsprangen hat Sc hreiber 28 richtig erkannt. Die Erklärung der
kleinen Thiere als Rehe oder Hirsche gab Kieseritzky im Ansehluss an
das Goldmedaillon 302, die der grossen als Flügelpferde Furtwangler
Arch. Jahrb. IV, 47 auf Grund der Aspasios-Gemme und des Berliner
Kopfes.
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