Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

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Kopf der Äthena Parthenos des Pheidias. 15

sclieint zu sprechen, dass man die Thiere nicht rund ausgearbeitet
hat, sondern an der der Mitte zugekehrten Seite platt abgeschnitten,
um ihnen mehr Halt zu geben und den Uebergang in die voraus-
zusetzenden pfeilerartigen Buschträger zu erleichtern. Sollten jedoch
die seitlichen Büsche gefehlt haben, so würde die Schwierigkeit,
sie in Marmor auszuführen, diese Vereinfachung leicht erklären.

Ueberraschend ist es aber nach der grossen Uebereinstimmung,
die wir bisher gefunden, dass jene beiden Thiere am Kölner Kopf
nicht wie an der Parthenos geflügelte Rosse waren. Statt der
Hufe bemerkt man die vortretenden Tatzen eines Raubthiers, die
Hinterbeine sind zu kurz und unterhalb des Knies zu dick und
ebensowenig kann der Schwanz nach Form und Haltung der eines
Pferdes sein. Die Bildung des spitz zulaufenden Schwanzes, die an
die Ruthe eines Hundes erinnert, verbietet aber auch, worauf die
Form der Beine und die Analogie der Minerve au collier und an-
derer Athenabilder führen würde, an eine Sphinx zu denken. Der
lange dünne Schweif des Löwen mit der Quaste am Ende, ist von
den alten Künstlern stets charakteristisch wiedergegeben worden.
Ich muss vielmehr Schaaffhausen beistimmen, wenn er a. a. 0.
aus den erhaltenen Formen den Schluss zieht, dass auf dem Helm
des Kölner Kopfes Wölfe dargestellt waren.

Alle Abweichungen vom Original, die wir bisher zu eonstatiren
hatten, waren stilistische Modifikationen oder Auslassungen, wie sie
bei so starker Verkleinerung fast unvermeidlich sind; der Ersatz
der Flügelrosse durch Wölfe ist eine sachliche Aenderung. Sie
wird vielleicht verständlich, wenn man sich erinnert, dass der Kopf
von Römern für Römer gemacht war, dass er, genau gesprochen,
nicht Athena darstellt, sondern Minerva, der die Formen der Grie-
chengöttin nur geliehen sind. Wenn nun dieser Minerva, abweichend
von allgemeiner Sitte, die heiligen Wölfe des Mars als Helm-Embleme
gegeben werden, so wird sie dadurch in prägnantem Sinne als römi-
sche Kriegerin bezeichnet und die Annahme liegt nahe, dass der
Kopf zu einem von der römischen Besatzung Kölns verehrten Cult-
bild gehört hat. Geradezu in dieser Minerva die Schutzpatronin der
so lange in Nieder-Germanien stationirten Legio I Minervia zu sehen,
wird allerdings nicht möglich sein J). Es bleibt aber eine bedeut-

1) Die Frage, in welcher Form das Feldzeichen dieser Legion die
Göttin darstellte, ist, so viel mir bekannt, noch gar nicht aufgeworfen.
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