Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

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Kopf der Athena Parthenos des Pheidias.

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bei Philochoros gestanden hat und Nichts daran geändert werden
darf. Aber eine Angabe, die gut überliefert ist, braucht deshalb
noch lange nicht wahr zu sein und die Autorität des 150 Jahre
nach Pheidias lebenden Atthidographen schliesst die Möglichkeit
eines Irrthums oder einer tendenziösen Darstellung nicht aus. „Wenn
der Unsinn", schreibt Nissen, auch nach Schoell noch energisch
für Plutarch eintretend, „in Philochoros Chronik stand: „man erzählt,
'dass Pheidias von den Eleern umgebracht worden sei," so mag er
selbst denselben gehört und aus verzeihlicher Sorge für den Ruhm
seiner Vaterstadt verzeichnet haben, ähnlich wie er den Hermen-
frevel den Korinthern in die Schuhe schob." Zweifellos ist, dass
die Pheidiaslegende in den Rhetorenschulen mit der Tendenz einer
Entlastung Athens weiterentwickelt worden ist: bei Plutarch stirbt
Pheidias im Gefängniss der Athener; bei Philochoros flieht der An-
geklagte aus Athen und wird von den Eleern getödet; bei Seneca,
Controvers. ed. Rurs. p. 424 ist Pheidias der höchste Schatz Athens,
Elii ab Atheniensibus Fidian acceperunt, ut bis Tovem Olympium
faceret, pacto interposito ut auf Fidian aut centum talenta redderent.
Robert hat a.a.O. in den Fabeln über Pantarkes den Anlass zur
Datirung des Zeus nach der Athena zu finden gemeint; vielleicht mit
Recht, doch möchte ich diese als zur Zeit unentwirrbar, vorläufig ganz
bei Seite lassen. Es gehört ein stärkerer Glaube an die Unfehlbarkeit
des Philochoros dazu als ich ihn besitze, um den doppelten Unterschleifs-
prozess nicht psychologisch unwahrscheinlich zu finden und für eine
„Spiegelung" in dcrUcberlieferung anzusehen, wofür ihn bis einschliess-
lich Schoell Alle gehalten haben. Die Partie steht zwischen den
beiden Traditionen über Pheidias Tod zur Zeit nicht gleich. Wäre
z. B. bezeugt, was jetzt nur als Möglichkeit hingestellt werden
kann, dass unter den Gewährsmännern Plutarchs, die den Tod im
Gefängniss bezeugten, sich Krateros oder Polemon befänden, so
würde man, glaube ich, viel weniger zuversichtlich für Philochoros
eintreten. Mit dieser Möglichkeit ist man aber auch jetzt schon
zu rechnen verpflichtet, wenn man nicht vorzeitig die Acten
schliessen will. Vergl. S.-B. d. Berk Akad. 1891, 387 (Diels).

Ich komme also zu dein Resultat, dass die Quellenkritik nicht
die Mittel besitzt, um eine der beiden Traditionen, zwischen denen
gewählt werden muss, mit Sicherheit als Wahrheit zu bezeichnen.
Vielmehr muss man ausserhalb des engen Kreises dieser Kontroverse
die Entscheidung herbeizuführen suchen, indem man, wie ich es
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