Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

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Die ara Ubiorum und das Legionslager beim oppidum Ubiorum. 53

liegt nicht im Lager, das er erst am nächsten Morgen wieder be-
tritt (ingressus Castro). Die Abgeordneten des Senats verlassen
gleichfalls das Lager, als sie den Aufstand vernehmen, um zu Ger-
manicus zu eilen. Die Soldaten ergiessen sich bei der Rückkehr
über alle Wege (vagi per vias), weil ihrer so viele sind; eunt
plenis viis, wie es bei Plautus heisst. Sie begegnen den zu Ger-
manicus eilenden Abgeordneten, die alle, den Plancus ausgenommen,
durch Flucht sich vor ihnen retten; dieser wird von ihnen misshan-
delt, so dass er, um dem Tode zu entgehen, nach dem zunächst
liegenden Lager der ersten Legion flieht, wo er die Fahnen und den
Adler umfasst, deren Heiligkeit sein letztes Schutzmittel ist. Zwi-
schen dem Lager und dem Orte, wo Germanicus in der Nacht bei
den Seinigen weilt, muss offenbar freies Feld liegen, auf dem der
den Abgeordneten begegnende Theil der zurückkehrenden Soldaten
sie überfällt. Freilich gibt es auch im Lager viae, aber von diesen
kann hier, da die Soldaten es schon verlassen haben, keine Rede
sein, und wollte man etwa meinen, neben dem Lager sei im oppi-
dum auch sonst Raum gewesen, wie beschränkt dieser auch ge-
wesen sein möge, so müsste vicos statt vias gesagt sein. So hat
Tacitus offenbar angenommen, zwischen dem Lager und dem oppi-
dum sei freies Feld gewesen; im oppidum selbst, das auch das
Lager enthielt, konnte die Begegnung der Soldaten mit den Abge-
ordneten unmöglich stattfinden. Es ist bedauerlich, dass man so
etwas erst beweisen muss, da es doch eine bekannte Thatsache ist,
dass die Lager ausserhalb der Städte angelegt wurden. Ich wüsste
durchaus keinen irgend erheblichen Grund für die Ansicht, das
oppidum Ubiorum, welches das wohlhabende Handelsvolk sich nach
eigener Wahl gründete, sei ein Legionslager gewesen; denn das
Soldatenmärchen, Gaius, der Sohn des Germanicus, sei in castris
genitus, das freilich Tacitus zu seinem Zwecke geschickt benutzte
(I, 44), obgleich es, strenge genommen, auf die Geburt im Lager
gehen würde, kommt nicht im Geringsten in Betracht, da es eben
mit der bestimmten Thatsache streitet, dass dieser in Antium ge-
boren war; der es erfand, dachte sicher nur an die Nähe des La-
gers, wie es Sueton ausdrückt, apud hibernas legiones. Von der
Schwester des Gaius, der Agrippina, heisst es ausdrücklich, sie sei
im oppidum geboren.

So dürfte auch Bergk keinen neuen richtigen Gesichtspunkt
geboten haben, vielmehr hat er dem Irrthum, das oppidum Ubio-
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