Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

Seite: 58
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58 H. Düntzer:

funden, ist von äusserster Wichtigkeit-, denn nicht allein ergibt sich
daraus, dass wir hier das Legionslager n i c h t suchen dürfen, son-
dern auch, dass dieses nicht i n d er Nähe gestanden, da
die ausgelassenen, rohen und weniger angesehenen Flottensoldaten
von den legionarii, die im Gegensatz zu ihnen iusti milites waren,
auch räumlich geschieden waren, wenn auch freilich zu gewissen
Arbeiten, wie zum Steinbrechen, Cohorten der classis (classiarii)
zugleich mit Hülfstruppen, Reitern und legionarii beordert wurden.
So finden wir denn auch z. B. bei Vetera die Flottenstation südlich
vom Lager, den Ort selbst, von dein das Lager Vetera hiess, nörd-
lich. Dürfen wir demnach das Legionslagcr nicht südlich von der
Stadt annehmen, so bleibt nichts übrig, als dass wir es, da das zur
Beschützimg des Rheines bestimmte Lager hier, wie in Xanten, Bonn
und Mainz, nur am Flusse selbst gedacht werden kann, an einen
nördlich gelegenen Punkt in der Nähe des Rheines setzen. Und
dies findet die sicherste Bestätigung darin, dass auch in Xanten,
Bonn und Mainz das Lager nördlich von den betreffenden Orten
sich findet, Diese nördliche Lage scheint mit der Bestimmung der
porta decumana und praetoria zusammenzuhängen, da letztere gegen
die Feinde gerichtet war, also nicht dem befreundeten Orte zuge-
kehrt sein durfte.

Hiernach kann es kaum zweifelhaft sein, in welcher Gegend
wir uns den Standort des Legionslagers zu denken haben. Als
dessen Höhepunkt ergibt sich uns die Stelle, von wo heute die Ku-
nibertskirche den Rhein beherrscht und die Ansicht der Stadt gross-
artig abschliesst. Dort fehlt es auch keineswegs an einem für das
Lager ausreichenden Räume, wenn wir als solchen ein Rechteck von
40 ha annehmen. Vgl. Jahrb. LXXXII, 105. Nur müssen wir die
gewaltigen Veränderungen berücksichtigen, welche jene Gegend seit
achtzehiihundert Jahren erfahren. Die mittelalterliche Mauer, der
Wall und Graben fehlten, noch barg der unter Napoleonischer Herr-
schaft gegrabene Hafen, bei welchem der Kaiser selbst die Höhen
hinaufritt, keine Schiffe, sondern war freies Feld oder Weg, unge-
hemmt erstreckte sich das Land nach Norden, und fast können wir
es als ein gutes Zeichen ansehen, dass in dem Augenblicke, wo wir
das Lager an diese Stelle zu setzen uns veranlasst sehen, die Ge-
gend in dieser Beziehung fast dieselbe Unbeschränktheit nach Nor-
den zeigt, welche wir fordern. Freilich haben seit der ersten Kaiser-
zeit mannigfache Ansiedelungen, später wilde Zerstörungen der Fran-
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