Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

Seite: 81
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/alterthumsfreunden1891/0091
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
facsimile
Die Kelten. 81

die Hügelgräber lehren, die Brachycephalie vor, die sich in den
Alpen Oesterreichs und der Schweiz, wohin nie Germanen kamen,
noch heute erhalten hat. Wir müssen zwei Arten von Brachy-
cephalie unterscheiden, was bisher nicht von den Kraniologen ge-
schehen ist x). Es giebt eine ursprüngliche und eine erworbene.
Die erste hängt wohl mit dem Ursprung der Rasse zusammen und
begegnet uns am deutlichsten in den mongolischen Stämmen Hoch-
asiens, den Kalmücken und Baschkiren, aber auch in den Lappen
Nord-Europas, während die Neger Afrikas uns als ursprüngliche Do-
lichocephalen erscheinen. Wenn heute die früher dolichocephalen
Germanen mesoccphal und brachycephal geworden sind, auch da,
wo eine Vermischung mit andern Stämmen nicht stattgefunden bat,
so ist diese Brachycephalie durch veränderte Lebensweise und Gei-
steskultur erworben. Abnahme der Muskelkraft, welche sowohl die
Entwicklung der arcus superciliares als die der Hinterhauptsleisten
hemmt, wird die Dolichocephalie vermindern, schon allein die Thätig-
keit starker Kaumuskeln, welche den Schädel in der Schläfengegend
von beiden Seiten zusammendrücken, vermehren die Dolichocephalie.
Die zunehmende Breite in Folge der Kultur trifft aber mehr den
hinteren Theil des Schädels als den vorderen. Der Abstand der
Stirnhöcker beim Neger und Europäer ist nicht so verschieden als
die Schädelbreite beider unterhalb der Scheitelhöcker. Rohe Schä-
del, soAvohl die der Australier als die aus germanischen Hügel-
gräbern zeigen in der Hinterhauptsansicht stark vorspringende
Scheitelhöcker, so dass hier ein pentagonaler Umriss entsteht und
der Schädel durch das Erheben der Sagittalnaht scaphoid oder
kahnförmig wird. Das Zunehmen des Hirnvolums in den unter den
Scheitelhöckern liegenden Theilen rundet hier die Schädelform ab,
wie es die Schädel der Kulturrassen zeigen. Der Schädel bleibt
für das Wachsthum des Gehirns in seinem hinteren Theile nach-
giebiger als in dem vorderen, weil die Schlafenschuppennaht und
die Hinterhauptbein-Scheitelbeinnähtc viel länger offen bleiben als
die Kranz- und Pfeilnaht und zumal die Stirnnaht, deren Offen-
bleiben die breite Stirn der Stirnbeinsehädel hervorbringt. Mit
Rücksicht auf diese Thatsachen können dolichocephale Schädel all-
mählich in brachycephale sich verwandeln und umgekehrt, und es
kann nicht auffallen, wenn ein Volk, das ursprünglich eine überein-

1) S c ha a ffh a u s en, D. Urform d. menschl. Schädels, Bonn 1868, S. 64 u. 83.

6
loading ...