Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

Seite: 88
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H. Schaafhausen:

selben ureigenes germanisches Eigenthum. Retzius hatte die Kelten
die am meisten dolichocephalen Völker Europa's genannt, dasselbe
behauptete Broca, während Davis und Thum am die Kelten in
England für brachycephal erklärten. So erscheinen nach Rüti-
meyer und Iiis auch die Helvetier vom Sion- und Dissentistypus.
Ecker hält diese für übereinstimmend mit den Schädeln der Hügel-
gräber. Nach Broca sind die sicher keltischen heutigen Süd-
franzosen brachycephal. Ebenso hielt d'Omalius d'Halloy die
blonden, blauäugigen grossen Gallier Nordfrankreichs für Germanen,
die kleinen brachycephalen des Südens für Kelten. Die von Ecker
beschriebenen dolichocephalen Reihengräberschädel finden sich in
Süddeutschland, am Rhein, in Sachsen, von der Schweiz bis zur
Provinz Pommern. Die Beigaben dieser Gräber lassen ihm keinen
Zweifel, dass es germanische sind. Sind die in den Hügelgräbern
Bestatteten, bei denen zum Theil Leichenbrand herrschte, vielleicht
Kelten? Hält man neben den blonden, hochgewachsenen Hauen-
steinern Würtembergs die heutige, kleinere dunkle brachycephale
Bevölkerung des Schwarzwaldes für Kelten, so stimmt das nicht
mit den Iren und Wallisern, die schwarz und dolichocephal sind.
Ecker schloss mit der Erklärung, dass er keinen Schädel kenne,
den er mit Sicherheit als einen keltischen bezeichnen könne, wir
nennten eben dieselben Schädel in Gräbern des alten Galliens kel-
tisch und in denen Deutschlands germanisch. V i r c h o w meinte,
schon das Altertimm habe Sammelnamen für ein Gemisch verschie-
dener Nationen angewandt, wenn sie eine politische Einheit gebildet
hätten. Die Griechen hätten zu einer gewissen Zeit alle Völker,
die nördlich der Donau und der Alpen und in Gallien wohnten,
Kelten genannt. L i n d e n s c h m i t bemerkte dagegen, dass die
alten Nachrichten als Germanen nicht ein Conglomerat verschie-
dener Stämme, sondern einen ganz bestimmten Völkertypus be-
zeichnen mit weisser Haut, blondem Haar, blauen Augen und
hohem Wuchs. Diese Merkmale galten aber für Kelten wie für
Germanen. Schon Tacitus sagte, die Germanen seien alle gleich.
Lindensc h m i t behauptet, die süddeutschen Gräber enthielten
keine Kelten, sondern nur Germanen. Warum besteht er aber auf
dieser Annahme, wenn Kelten und Germanen dasselbe Volk sind?
V i r c h o w bemerkt ferner, dass der Reihengräbertypus nur Werth
habe für eine gewisse Zeit, er gehöre nur dem 5. bis 7. Jahrh. an,
vorher und später herrsche Brachycephalie. Er möchte die Brachy-
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