Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

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H. Schaäffhausen:

Ich habe in meiner Abhandlung-: „lieber germanische Grab-
stätten im Rheinlande" l) nur gelegentlich der Schädelbildung gedacht,
aber den Satz aufgestellt: die Schädelform muss als das sicherste
Mittel angesehen werden, die Gleichheit oder Verschiedenheit der
Volksstämme zu erkennen, weil sie unveränderlicher ist als andere
Merkmale, durch welche Völker sich von einander unterscheiden.
Ich habe fünf Formen unterschieden, eine rohe und lange Form aus
der ältesten Zeit, wie der Neanderthaler sie bietet, eine kleine runde,
den Lappen ähnliche, wie ein Schädel aus dem Bette der Lippe sie
zeigt, den langen keltischen oder altgermanischen Typus, sowie die
fränkische und die alemannische Form. In den mittelrheinischen Grä-
bern habe ich die rohere und schmälere Schädelform den Alemannen,
die breitere den Franken zugeschrieben. Dem Römerschädel schrieb
ich breitere Stirn, flachern Scheitel und schön abgerundetes Hinter-
haupt zu, während die Frankenschädel gleich denen der Merowinger-
zeit in Frankreich mehr ovale Form mit hochgestellter Scheitel-
gegend, ziemlich starke und verschmolzene Stirnwtilstc, schmale
Stirn und vorspringendes Hinterhaupt zeigten. Die Bilder altdeut-
scher Schädel aus einem Todtenhügel in der Grafschaft Wernigerode
im Harz, welche A. Friedrich2) veröffentlicht hat, gehören dein
Anfange des Eisenalters an, denn neben Feuersteinmessern und Pfeil-
spitzen aus Feuerstein wurde auch ein eisernes Messer gefunden.
Dieselben sind dolichocephal und mesocephal, die Merkmale altger-
manischen Schädelbaues sind an denselben in verschiedener Weise
vertheilt, der Prognathisnms nämlich, die starken Stirnwülste, die
Pentagonalform der Hinterhauptsansicht, die niedrigen Augenhöhlen,
der Toms occipitalis. Virchow3) hat die Frage aufgeworfen, wie
entstehen die in demselben Volke hervortretenden Typen, sind sie
durch äussere Einflüsse veranlasst oder kommen sie nur durch
Vermischung mit fremden Elementen zu Stande. Unzweifelhaft kann
beides der Fall sein. Er glaubt, dass es keine Beziehung der Schä-
delform zur Farbe von Haar und Auge gebe. Innerhalb gewisser
Länder lässt sich allerdings eine solche nachweisen. Die von ihm
an 4,888045 Personen veranlassten Erhebungen über die Farbe der
Haare und der Augen ergaben in Preussen 3-3,47 °/0 Blonde, in Bayern

1) Rh. Jahrb. XL1V u. XLV, 1868 S. 107, 116, 127 u. 133.

2) Crania Germanica Hartagowensia, Nordhausen 1865.

3) Beiträge zur physischen Anthropologie der Deutschen, mit be-
sonderer Berücksichtigung der Friesen, Berlin 1876.
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