Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

Seite: 93
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Die Kelten. 93

20,36, in Preussen 11,63 % Dunkle, in Bayern 21,09. In Ostfries-
land finden sich Blonde mit blauen Augen 44,04 °/0, auf den friesi-
schen Inseln sogar 52,81. Virchow glaubt, dass sich in Friesland
am sichersten der Urtypus der Germanen erhalten haben könne, weil
hier die Bewohner seit zwei Jahrtausenden an derselben Stelle sitzen.
Er hat uns eine umfassende Darstellung der Schädelbildung dieses
Volkes gegeben. Eine Eigentümlichkeit der alten Friesenschädel
ist ihre Niedrigkeit, er nennt sie chamaecephal. So nennt er alle
Schädel, die einen Längenhöhenindex unter 70 haben. Welcher
hatte sie schon 10 Jahre früher als platycephal bezeichnet. Dieser hat
für Holstein, Dänemark und Schweden einen Höhenindex von 71, für
Franken und Schwaben von 73, für Oesterreich und die Schweiz von
75, für die Inseln der Zuydersee von 69.8 berechnet. Virchow be-
trachtet die Bevölkerung der Inseln der Zuydersee insbesondere als eine
urgermanische. Man kann aber den auf S. 182 abgebildeten weiblichen
Schädel doch nicht als niedrig bezeichnen, wenn auch sein Längen-
höhenindex 69.1 ist. Dieser kommt nicht allein durch geringe Höhe,
sondern auch durch grosse Länge des Schädels zu Stande. An
künstliche Depression, wie sie nach Foville in Frankreich noch
geübt wird, ist nicht zu denken. Eine andere ethnologische Eigen-
thümlichkeit des friesischen Stammes ist die Schmalnasigkeit. Broca
meinte, weil die Schädel in Frankreich schon zur Zeit der polirten
Steine leptorrhin waren mit einem Index von 46—47, zur Zeit der
Merowinger aber 48,87 Index hatten, die Franken könnten sich
mit mongoloiden Völkern vermischt haben. Virchow bestreitet
dieses mit Recht. Er fragt aber, ob nicht auch der Neanderthaler
der friesischen Gruppe angehören könne. Dann müsste man auch
den Schädel von Brüx in Böhmen dahin rechnen. Während Ketzins
die Bestimmung der Länge und Breite für das Wesentliche der
Schädelunterscheidung hinstellte, hält Virchow das Verhältniss der
Länge und Breite zur Höhe für wichtiger. Unterschiede der Höhe
sind aber, die nur in gewissen Gegenden und in Einzelfällen vor-
kommende Chamaecephalie abgerechnet, viel geringer als jene und
sind niemals ein Rassenunterschied.

Die Brachycephalie der Friesenschädel erscheint als eine Com-
pensation für die geringe Höhe. Virchow will eine pathologische
Ursache der Chamaecephalie der Friesenschädel nicht anerkennen,
wiewohl er sie für die unter den Friesen häufige Macrocephalie und
für die basilare Impression als möglich zugiebt. Auch will er nicht
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