Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande: am 1. October 1891 — Bonn, 1891

Seite: 144
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Josef Klein:

Was den Charakter der Schrift anlangt, so sind die Worte der
ersten und das Anfangswort der zweiten Zeile in Majuskeln, die
übrigen Zeilen in Cursivschrift geschrieben. Nach den Buchstaben-
formen zu urtheilen kann unser Täfelchen sehr wohl noch der er-
sten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. angehören. Diese
Annahme findet auch in einem anderen Umstände ihre Bestätigung.
Wir haben nämlich oben gesehen, dass mehrere Namen unserer De-
fixio auf dem ersten Wormser Täfelchen wiederkehren und zwar
Optatus Silonis, Terentius Attiso, Atücinus Ammonis und Cossus
Maesi, so dass an ihrer Identität nicht gut gezweifelt werden kann.
Beide Täfelchen stehen somit in einem gewissen Zusammenhange
mit einander. Da nun das Wormser Täfelchen wegen der mit ihm
zusammen gefundenen zwei Bronzemünzen des Vespasianus aus dem
Ende des ersten oder dem Anfang des zweiten Jahrhunderts n. Chr.
stammt, so ist damit zugleich ein bestimmter Anhaltspunkt für die
Zeit unseres Denkmals gegeben.

3,

Demselben Funde entstammt endlich angeblich ein drittes
Bleitäfelchen, welches ursprünglich eine dem zweiten ähnliche Ge-
stalt gehabt zu haben scheint, augenblicklich aber zu einem unre-
gelmässig geformten Fetzen Blei entstellt ist. An den besterhaltenen
Stellen gemessen hat es eine Breite von 9 cm, eine Höhe von ß1^ cm
und eine Dicke von ungefähr 1 mm (Taf. VI, 1). Durch das Zusammen-
rollen und Biegen hat es zwei grosse, von oben nach unten gehende
schräge Risse erhalten, welche das Lesen an den betreffenden Stel-
leu sehr erschweren. Ausserdem sind am Rande oben und zur
linken Seite einige Stückchen abgebröckelt. Die Schriftzüge haben
ebenfalls cursiven Charakter, sind aber etwas grösser als die der
vorhin beschriebenen Tafel. Sie haben durchweg so verschwindend
feine und dünne Striche, dass sie meist nur mit gutem und ge-
übtem Auge gefunden werden. Ein Theil ist sogar durch den
Druck verschwunden. Dazu kommt, dass eine Anzahl Buchstaben
durch zufällige Striche oder Nachfahrungen vorhandener Züge un-
kenntlich geworden sind. Beschrieben ist das Täfelchen auf beiden
Seiten. Auf der Innenseite scheinen Reste von sechs Zeilen Schrift
vorhanden zu sein. Doch ist bis jetzt nur Weniges zu entziffern
mir gelungen.
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