Antiquitäten aus altem oberbadischen graflichem Besitze und Anderes: Versteigerung am 13. und 14. April 1926 (Katalog Nr. 3) — Freiburg i. Br., [1926]

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Die Not der Zeit bringt es mit sich, daß immer von neuem kostbarer, durch Generationen sorgsam ge-
hüteter Kunstbesitz alter Familien auf den Markt kommt. Dinge, die durch zahlreiche Fäden mit dem Leben
der früheren Besitzer verknüpft waren, die mit stolzen Familienerinnerungen verbunden sind, werden aus;
einandergerissen und in alle Winde zerstreut. Daß das Lebenswerk eines Sammlers noch zu seinen Leb*
zeiten oder doch nach seinem Tode wieder zerschlagen wird, ist nicht verwunderlich. Nur selten vererbt
sich mit dem Besitz auch die Sammlerleidenschaft und das Verständnis, oder es glückt, eine Sammlung
geschlossen in öffentlichen Besitz überzuführen. Der in kultivierten Familien durch Generationen ange;
sammelte und verwahrte Hausrat (im weitesten Sinne) erfreute sich dagegen auch bei den Nachfahren
meistens sorgsamer Pflege, bis der unglückliche Ausgang des Krieges sich auch hier auswirkte. So sehr
wir diese Tatsache bedauern mögen, die durch den Zwang der wirtschaftlichen Verhältnisse unvermeidlich
ist, so bringt sie auf der anderen Seite auch den Vorteil mit sich, daß dem Kunsthandel, den Museen und
den Sammlern ein Material zugeführt wird, das ihnen sonst nur schwer und ausnahmsweise zugänglich war.

Den Grundstock und die Hauptmasse der Bestände, die in diesem Katalog angezeigt werden, setzen
sich aus zwei Teilen zusammen: Dem Besitz eines der ältesten oberrheinischen Adelsgeschlechter, Zeugnis
jahrhundertealter gepflegter Lebenshaltung, und Teilen der Ausstattung des Hauses eines mit den Größten
seinerzeit durch verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen verbundenen Kunstfreundes des
späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Während im ersteren Falle die kunstgewerblichen Gegenstände vor-
wiegen und die Entwicklung vom Barock bis zum Empire in gleichmäßigem Ablauf widerspiegeln, findet
in der zweiten Gruppe neben den zeitgenössischen Werken die wiedererwachte Freude der Romantiker an
älteren Werken der Kunst und des Kunstgewerbes ihren Niederschlag.

Unter den mittelalterlichen Skulpturen ist vor allem eine stehende Madonna mit Kind hervorzuheben
(Nr. 271, Abb. Tafel IV). Die schlanke Figur steht auf der Mondsichel und trägt über dem gefältelten Ge-
wand einen reich bewegten Mantel. Das nackte Kind ruht quer vor der Brust auf den beiden unendlich
zart und ausdrucksvoll gebildeten Händen. Unter der (neuen) Krone umrahmt das Haar gleichmäßig das
Gesicht und fällt über Schultern und Rücken herab. Ein Schleiertuch ist hinter dem Rücken über die linke
Schulter gezogen und gleitet über Brust und rechten Oberarm herab. Gesamthaltung, Bildung des Gesichtes,
der Hände, Faltengebung, besonders das reiche Faltenspiel des Mantels zeigen die charakteristischen Merk;
male unterfränkischer spätgotischer Kunst. Die Figur mag von einem Zeitgenossen Riemenschneiders —
aber unabhängig von diesem Meister — um 1490/1500 geschaffen sein. Stilistisch und zeitlich gehören in
ihre unmittelbare Nachbarschaft die beiden Heiligenfiguren (Katalog Nr. 272 und 273, Abb. Tafel IV),
ohne aber die überragende Qualität der Madonna auch nur annähernd zu erreichen; vielleicht haben wir
es hier mit Gesellenarbeiten derselben Werkstatt zu tun. Alle drei Figuren sind im Anfang des 19. Jahrs
hunderts neu gefaßt worden.

An den Oberrhein führt eine zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstandene interessante sitzende Madonna
mit Kind (Nr. 269) mit ausgezeichnet erhaltener alter Fassung, die schon 1924 auf der Ausstellung mittel;
alterlicher Kunst des Oberrheins im Freiburger Augustinermuseum zu sehen war. Dann eine um 1490
anzusetzende Pietä (Nr. 270), charakteristisch für den damals hier verbreiteten Typus mit herabgesunkenem
Christuskörper, und vor allem ein guter, feingliedriger hl. Paulus, elsässisch 1490/1500 (Nr. 276). Schließlich
ein kleiner Salvator, 1510/1520 mit Resten alter Fassung (Nr. 262). Unter einer Serie von „Prozessions*
stangen" (Lichterhaltern) sind vier des frühen 16. Jahrhunderts mit Heiligen;Figürchen unter Baldachinen zu
erwähnen (Nr. 494, Abb. Tafel II).

Bemerkenswert ist ein schöner Christus als Schmerzensmann des späten 17. Jahrhunderts mit gut er;
haltener Fassung aus der Ortenau, der athletische Körper mit dem reichbewegten Mantel drapiert (Nr. 274,
Abb. Tafel III).

Sehr problematisch ist das figurenreiche, dramatische Kreuzigungsbild des 18. Jahrhunderts (Nr. 241,
Abb. Tafel III). Die Zuschreibung an Januarius Zick, die sich auf die schwer zu entziffernde Inschrifttafel
des rechten Kreuzes gründet, erscheint nicht recht glaubhaft, ohne daß bisher eine sichere Zuweisung des
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