Antiquariat Altmann <Berlin>   [Hrsg.]
Autographen: aus allen Gebieten; Beaumarchais, Beethoven, Chopin, Darwin, Goethe, Haydn, Heine, Kant, Leibniz, Liszt, Melanchthon, Meyerbeer, Michelangelo, Mozart, Napoleon, Rubinstein, Schiller, Tschaikowski, Turgeniew, Verdi, Voltaire u.a.; Versteigerung: Montag, den 7. Mai 1923 (Katalog Nr. 25) — Berlin, 1923

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AUT OGRÄPHENS AMMLUNG
UND WISSENSCHAFT

VON

DR. JULIUS SCHUSTER

STAATSBIBLIOTHEKAR DER DOKUMENTENSAMMLUNG DARM-
. STAEDTER DER PREUSSISCHEN: STAATSBIBLIOTHEK

In den anonymen Memoiren eines deutschen Staatsmannes aus den
Jahren 1788 —1816 erzählt der Verfasser, Graf Johann S c h 1 i t z (Labes),
wie er zu Weimar in der Erwartuhg des Kaisers Alexander G o e t h e von
seinem Sinn für Geschichtsreliquien, wie z. B. das Gesims aus dem Schlosse
Habsburg, sprach. Auch G o e t li e war solcher Sinn nicht fremd, und zum
Beweise erbot er sich, S c h 1 i t z seine Sammlung von Aütographen zu
zeigen. Nach zwei dabei verflossenen Stunden war man bis zu dem Buch-
staben C gekommen, und schließlich verelirte G o e t h e seinem Gast Hand-
schriften von sich selbst und ungedruckte Xenien von Schiller, wogegen
der Empfänger eine Handschrift von Friedrich dem Großen an
Go e t h e abtrat. Der Geist des Sammelns und der Wünsch der sinnlichen
Anschauung des Historischen hatten rasch das Band um die beiden Auto-
graphenliebhaber einer Zeit geschlungen, in der sich weder die Wissenschaft
noch der Buchhandel um Autographen bekümmiefte.

Aber sehr bald wurde jenes Sammeln mehr als bloße Liebhaberei und
geistiges Anregungsmittel, es wurde eine historisch-literarische Angelegenheit.
Als Typus eines solchen Sammlers darf Varnhagen von Ense
bezeichnet werden, desSen Sammlung später in die Preußische Staats-
biblicthek gelangte und dort ein viel benutztes Archiv für sich bildet. Mehr
und mehr wandte sich das Interesse dem literarischen Nachlaß und der
Korrespondenz der Dichter, Künstler und Gelehrten zu, und sicher wäre
vieles, was sich nicht in öffentliche Bibliotlieken und Archive rettete, ver-
loren gegangen, wenn nicht Antiquare und Sammler eifrig alles Erreichbare
aufgespürt hätten. Als Autographensammler ernst genommen werden
konnte jetzt nur, wer nach einer wissenschaftlichen Fragestellung sammelte.
Nicht w a s einer sammelt, sondern w i e er es sammelt, ei'hebt den bloßen
Iüebhaber zum Kenner. Dementsprechend mußten die Autographenkataloge
der Antiquare ausführliche Beschreibungen der Autographen enthaiten,
die sowohl den Erwavtungen der Sammler wie der Wissenschafter Rech-
nung tragen. Dankbar muß anerkannt werden, daß die großen deutschen
Autographensammler und Antiquare stets bemüht waren, den WünSchen,
die von seiten der Wissenschaft an sie gestellt wurden, entgegenzukommen.

Eine Autographen-Wissenschalt als solclie gibt es natiirlich nicht.
Wirkliche, d. h. wissenschaftliche Autographenkenntnis ist höchstens ein
Teil der Hilfswissenschaften einer WissenSchaft, nämlich der Geschiclrte.
Je mehr daS Interesse an gescnichtdchem Sinn und geschichtlicher For-
schung wächst, um so mehr nimmt auch das InteresSe an Autographen zu.
Das läßt sich besonders an dem in Deutschland früher so wenig gepflegten
Gebiet der Geschichte der Wissenschaften, speziell der Natui'wissenSchaften
und der Medizin, beobachten. Die Dokumentensammlung Darm-
staedter der Preußischen Staatsbibliothek, die vor allem diese Wissen-
schaftsgebiete pflegt., eröffnete im Mai 1921 mit ihrer Ausstellung ,,Vier

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