Antiquariat Altmann <Berlin>   [Hrsg.]
Autographen: aus allen Gebieten; Beaumarchais, Beethoven, Chopin, Darwin, Goethe, Haydn, Heine, Kant, Leibniz, Liszt, Melanchthon, Meyerbeer, Michelangelo, Mozart, Napoleon, Rubinstein, Schiller, Tschaikowski, Turgeniew, Verdi, Voltaire u.a.; Versteigerung: Montag, den 7. Mai 1923 (Katalog Nr. 25) — Berlin, 1923

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Jahxhunderte Naturwissenschaften in Autograplien und Dokumenten‘‘
eine Reihe derartiger wissenschaftlicher Ausstellungen, die hier wie bei der
Hundertjahrfeier der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte in
Leipzig 1922 weiteste Bea-chtung fanden. Eine Auswahl besonders hervoi-
ragender Stücke der Dokumentensammlung sind von mir in Gemeinschaft
mit meinen Kollegen Prof. D egering, jetzt Direktor der Handschriften-
abteilung der Preußischen Staatsbibliothek, und. Prof. Christ, jetzt
Direktor der Universitätsbibliothek Halle, in der Festschrift für L. D a r m -
staedter (Berlin, M. Breslauer, 1922) eingehend erläutert und nach-
gebildet worden.

Wer die Geschichte geistiger Bewegungen erforschen will, kann der
entwicklungSgeschichtlichen Betrachtung der einzelnen wichtigen Persön-
lichkeit nicht entraten. Aber auch hier können Seelenkunde und' genialer
Blick Sicheres nicht leisten, wo Hanaschriften fehlen. Nur wo es möglich
ist, aus den Entwürfen und Briefen eines großen Denkers oder Schrift-
stellers zu schöpfen, werden die Beziehungen von Werken auf einander
und zum Geist des Verfassers lebenSvolle Wirklichkeit, nur dort entsteht
ein vollkommenes Bild von irgend einem Teil der Geschichte.

Aber aucli einen naturwisSenSchaftlichen EinSchlag hat das Autog-
graphensammeln, den Goethe schon gefühlt hat, wenn er in der Form der
Schriftzüge Zusammenhänge zwischen Handschrift und Charakter ahnte.
Fehlt auch der heutigen Graphologie noch das Fundament einer Wissen-
schaft, so ist doch wenigstens die Möglichkeit einer wdssenschaftlichen
Graphologie denkbar. Es zeigt sich nämlich, daß bestimmte Eigentüm-
lichkeiten der Schrift der Vererbung unterliegen, und es wäre eine dankbare
wissenschaftliche Aufgabe, bei einer Familie, bei der das Handschriften-
material möglichst weit zurückreicht und möglichst vollständig ist, die
Vererbung in der Handschrift zu untersuchen, und zu prüfeü, wieweit diese
mit einzelnen Charaktereigenschaften oder Komplexen von solchen über-
einstimmt, wobei gleichzeitig die jeweils einwirkenden Milieu-Faktoren,
wie Schule und Haus, körperliche und seelische Zustände, in Betracht
zu ziehen wären.

So sind Autographen weit mehr als Geschichtsreliquien, sie sind Do-
kumente, die keiner Papierwissenschaft dienen, sondern dem Geist, der
lebt und lebendig hält; Dokumente, die in ihrer Zusammenfassung ein
monumentales Bild desMenschen aller Zeiten und Kulturen aus sich erzeugen,
unter daS man des SophokleS Worte wird setzen dürfen: ,,Nichts ist ge-
waltiger als der Mensch.“

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