Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 1.1876

Seite: 272
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WEIBLICHER KOPF

bung mit der des schönen münchener Frauenkopfes : Glypto-
thek n. 89, den Brunn der ersten Kunstblüthe zuschreibt, an-
zustellen. Ein bekannter Bildhauer in Rom fand die Formen
des letzteren leer, hart und spröde, er sprach sich deshalb für
römische Entstehung desselben aus. Dieses im ersten Augen-
blick merkwürdige Urtheil findet seine Erklärung, wenn ich
bemerke, dass dieser Künstler sich hauptsächlich der Dar-
stellung sinnlicher d. h. rein körperlicher Schönheit zugewen-
det hat, so dass ihm das Verständniss für jene schlichte, ich
möchte sagen, keusche Formengebung abhanden gekommen
war. Ueber unseren Kopf, der über die bloss geistig belebte
Form hinaus auch rein sinnliche Schönheit hat, würde er ge-
wiss a;anz anders urtheilen.

Fassen wir den Ausdruck ins Auge, so wird uns gleich
der Auspruch Diodors, Praxiteles habe dem Marmor in hohem
Grade ia v?,; 7ca0r, beigemischt, einfallen. Leider können
wir bei der Trennung des Kopfes von der Statue und dem
Mangel an jedem Anhaltspunkte für die Deutung desselben
diesen Ausdruck nicht näher bestimmen, als dies oben mit
den Worten « schwärmerisch-begeistert » geschah, dennoch
eewinnen wir ohne Weiteres die Ueberzeusunar, dass der
Künstler in der Darstellung feiner innerer, psychischer Vor-
gänge ein Meister war. Damit soll unser Kopf aber noch
nicht dem Praxiteles selbst zugeschrieben werden, es mag
genügen, ihn als seiner Darstellungs- und Auffassungsweise
nach dieser Kunstrichtung angehörig bezeichnet zu haben. So
gewinnen wir für diese Periode, die für uns an hervorragen-
den statuarischen Originalarbeiten so arm ist, ein neues bedeu-
tendes Denkmal.

Ein sehr ähnlicher Kopf (Tafel XIV) befindet sich im Mu-
seum zu Berlin, dort ohne nähere Begründung als Ariadne
oder alsDichterin bezeichnet: Gerhard, Berlins antike Bildw.
I n. 86. Die Arbeit ist römisch, aber vortrefflich. Die Hal-
tung ist dieselbe; ebenso die Haartracht, nur fehlen die lan-
gen aut die Schultern herabfallenden Locken, welche einen
dö' den römischen Beschauer zu ernsten und feierlichen Ein-
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