Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 1.1876

Seite: 305
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ZUR PERIEGESE DER AKROPOLIS

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keine Spur; Beule dachte an das Anfassen eines Schleiers, der
aber nie vorhanden war. Ich vermuthe dass die linke Hand
gegen das Kinn emporgehoben wai% bekanntlich ein bei sin-
nenden Figuren beliebter Gestus; es könnte etwa da das
Kinn nicht auf die ganze Hand sich gestützt haben kann, der
Zeigefinger gegen dasselbe emporgestreckt gewesen sein (vgl.
z. B. Overbeck her. Bildw. Taf. 4, 1. 3. 29, 7. 33, 16). Es
ist aber aucli nicht ganz unmöglich dass die Hand, obwohl
die linke, das Messer oder Schwert, mit dem der Mord voll-
fülirt werden sollte, hielt, da wenigstens Kanake auf dem
Gemälde von Tor-Maranci (Biondi monum. Amaranz. Taf. 2
R. Rochette peint. ant. ined. Taf. 1) den Dolcli in der Linken
hält 1; etwa wie der attische Diskobol fMus. Pio Clem. III,
26. Arch. Ztg. 1866 Taf. 109, 2) vor dem Wurfe die Scheibe
in der Linken ruhen lässt. Meistens ruht bei dergleichen sin-
nenden Figuren der Elnbogen auf der anderen Hand. Das ist
hier nicht der Fall, weil diese irgendwie mit dem Knaben
beschäftigt gewesen sein wird, um ihn gewissermassen als
in der Gewalt der Mutter befindlich zu bezeichnen; auch
Schöll nimmt an, dass der rechte Arm am Kopf des Knaben
oder an seinem rechten Arm gelegen habe. Vortrefflich wirkt
der Gegensatz des unruhigen, gleiehsam bei der Mutter Schutz
suchenden Knaben zu der nach Art der Medea des Timo-
machos fest und unerschütterlich da stehenden Frau, welche
gleich jener der Rache gegen den ungetreuen Gatten ihre
Mutterliebe zum Opfer bringt. Wesentlich verschieden ist die
Composition einer Pariser Schale fannali 1863 Taf. C), die
bisher einzige Darstellung dieser Scene; dort hebt Prokne
den in Grösse, knabenliafter Sclilankheit und Nacktheit dem
Knaben der Marmorgruppe entsprechenden Itys an beiden
Armen empor und eilt so mit ihm von dannen, rnit wirrem

1 Bioncli behauptet dass vor der Restauration des Gemäldes in der Rechten ein
Griffel sichtbar gewesen sei, also ganz wie bei Ovid epist. 11, 3 dextra te-
net altera ferrum. Sollte wirklich dies bioss zur briefstellernden Kanake
Ovids passende Motiv aucli dem Gemalde angehört haben ?

MITTH. D. AßCH. INST. I.

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