Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 2.1877

Seite: 49
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1877/0073
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
KYBELERELIEF

49

Es war bekanntlich eine weitverbreitete Sitte, berühmte
Ileiligthümer in kleinem Massstabe nachzubilden, damit sie
denen, welche dieselben besucht hatten, zur Erinnerung mit-
gegeben werden konnten. Die Nachbilder dienten als Gegen-
stände des häuslichen Cultus und wurden als solche mit in
das Grab gegeben, ln einem Grabe wird auch die vorliegende
Terracotta gefunden sein. Der Fundort ist nicht genau bekannt
geworden, doch weisen die Spuren unverkennbar nach Ionien
hinüber, in die Gegend von Ephesos und Smyrna.
Die Tempelbilder wurden in verschiedenem Stoff und in
verschiedener Darstellungsweise ausgeführt, wie wir dies in
Münzbildern am besten nachweisen können. Entweder stellte
man nur das heilige Idol dar, oder den ganzen Tempel in
Frontansicht, oder endlich das Götterbild innerhalb einer ar-
chitektonischen Einrahmung, welche entweder als Abbildung
einer in der Cella stehenden Aedicula anzusehen ist oder als
eine freiere Darstellung ohne bestimmtes Vorbild.
Wirkennen diese plastischen Nachbildungen vonTempeln aus
der Apostelgeschichte 19, 24 als einen in Ephesos besonders
blühenden Erwerbszweig. Wahrscheinlich haben wir uns die
dort erwähnten silbernen Abbilder des Artemision in ähnli-
cher Weise zu denken, wie das vorliegende Terracottarelief,
weiches für diese Gattung antiker Plastik ein Denkmal von
hervorragender Wichtigkeit ist.
An getreue Nachbildung eines antiken Heiligthums ist bei
unserm Relief nicht zu denken ; vielmehr ist ein freier Stil in
der Architektur sowohl wie in dem Götterbilde unverkennbar.
Das Gebälk mit den grossen Akroterien ist viel zu schwer für
die schlanken Säulen, welche mit übergrosser Zierlichkeit aus-
geführt sind. Auch die Basen sind noch mit Laubwerk ge-
schmückt. Die Göttin selbst ist nichts weniger als ein steifes
Tempelbild, sondern eine natürlich bewegte Gestalt, welche
wie eine Lebende dasitzt. Der Kopf ist noch mehr als auf der
Abbildung deutlich wird, nach vorn geneigt, und gibt der
Göttin den Ausdruck von Milde und Leutseligkeit. Das volle
Daar fällt frei auf die Schultern herunter und trägt wesentlich
4

HHTTH. D, ARCH. INST. ü.
loading ...