Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 2.1877

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KYBELERELIEF

dazu bei; der Figur den Charakter ungezwungener Natürlich-
keit zu geben.
Auch die Gruppirung der Güttin mit ihrem Löwen ist in
ungewöhnlich freiem Stil aufgefasst; denn in der Regel zeigen
ja die entsprechenden Bilder das Löwenpaar in steifer Sym-
metrie an die beiden Seiten des Sessels vertheilt; die griechi-
sche Kunst sucht aber ihrem angeborenen Triebe gemäss jeden
starren Schematismus zu lösen und Alles lebendig zu machen.
So wurden auch die todten Wappenfiguren zu lebenden Wesen.
Der Löwe legt sich zutraulich wie ein Schoosshündchen auf die
Kniee der Göttin; w ie es auf einer Reihe alter Reliefs zu sehen
ist; oder er springt zu ihr hinan; ebenso wie Hirsch und
Reh zu Apollon und Artemis emporhüpfen *. So sehen wir
auch auf unserem Bilde; auf den Hinterfüssen aufgerichtet;
den Löwen wie ein zahmes Hausthier zu der Göttin hinauf-
klettern; um sich von ihr liebkosen zu lassen.
Die Göttin sitzt auf einem Prachtsessel; der mit Armlehnen
und pilasterartigen Füssen ausgestattet ist. Unter dem Vor-
sprung der Armlehne erkennt man noch die Umrisse einer
Figur; welche den Uebergang bildete zu dem Pilasterkapitell.
Unter der Fussbank sind Spuren einer Löwenklaue sichtbar.
Der Sessel seihst wird von einem viereckigen Sockel getra-
gen; auf welchem ein Silen sitzt; mit der Schulter gegen den
Fuss des Sessels gelehnt. Obwohl er als kleine Nebenßgur
behandelt ist; sieht man doch sehr anschaulich ausgedrückt;
wie er an der bescheidenen Stelle; die er einnimmt; um alle
Welt unbekümmert; w ie ein Pan in seiner Grotte; mit vollem
Diensteifer die Doppelflöte bläst. Die zottigen Beine hat er
weit nach vorn gestreckt.
Neben dem Thron steht ein Geräth von runder Form; dessen
unterer Theil durch zwei Reihen fensterartiger Oeffnungen
charakterisirt ist. Ich erkenne darin eins der Geräthe; welche

* Vgl. über die fortschreitende Belebung der Goetterattribute meine Ab-
handlung über W^appengebrauch und Wappenstil im gr. Alt. (Abh. d. K. Pr.
Akad. d. Wiss. 1874) 117.
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