Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 65
DOI Heft: 10.11588/diglit.29171.4
DOI Artikel: 10.11588/diglit.29171.7
DOI Seite: 10.11588/diglit.29171#0075
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1890/0075
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
ZUR NEMESIS DES AGORAKRITOS

65

es von den am Tempel angebrachten decorativen Figuren oder
von einem Weihgeschenk herrühren könnte. Für die Annahme
spricht ausser dem Fundort das Material (parischer Marmor),
die Masse, welche mit der von Antigonos von Karystos bei Ze-
nobios Y 82 überlieferten Höhenangabe ziemlich übereinstim-
men* 1, endlich die Einsatzspuren im Haar, die auf einen Kopf-
schmuck, wie ihn Pausanias I 33,3 erwähnt, schliessen lassen.

Ich gebe im folgenden eine Beschreibung des trotz seiner
schlechten Erhaltung wichtigen Bruchstückes auf Grund einer
neuerdings mit der freundlichen Beihülfe von A. S. Murray
vorgenommenen Untersuchung. Demselben Gelehrten verdanke
ich auch die Vorlage für die beigegebene Abbildung.

Die Höhe des Fragmentes in der grössten Ausdehnung ge-
messen ist 0,37 m, die grösste Breite (über der Stirn) 0,32.
Der Marmor ist sehr stark bestossen und von Feuchtigkeit zer-
fressen. Seine ursprüngliche Oberfläche ist noch am besten
erhalten an der flach und schmal gebildeten rechten Wange.
Stark beschädigt ist dagegen das rechte Auge. Der erhaltene
untere Teil desselben lässt jedoch erkennen, dass es weit geöff-
net und der Augapfel ziemlich flach gebildet war, während
die Lider stark hervortraten. Das dichte Haar fällt in ziemlich
starken Wellenlinien tief in die niedrige Stirn und bis auf die
Ohren herab. Noch mehr beschädigt sind der untere und linke
Teil des Gesiebtes: Nase, Mund und Rinn sind völlig zerstört.
Doch zeigen die erhaltenen Reste—■auch vom Hinterkopf ist
noch viel vorhanden—. dass wir eine Rundsculptur vor uns
haben. Sie verbieten auch an ein sehr hohes Relief zu den-

gehört haben’. Dass clie Statue nicht von Phidias herrührt, hat Wilamowitz
(Antigonos von Karystos S. 10 fg.) bewiesen. Die von Leake S. 118 erwähnte
im kleinen Tempel zu Rhamnus gefundene archaische Gewandstatue ist
wahrscheinlich der jetzt gleichfalls im Britischen Museum befindliche Torso
einer den polychromen Statuen von der Akropolis ähnlichen, lebensgrossen
weiblichen Marmorfigur. Er steht dort neben dem Gipsabguss der Nike des
Päonios und ist mit der Nummer [29] bezeichnet.

1 Die Angabe der Höhe auf 10 Ellen ist natürlich nur eine ungefähre.Vgl.
auch H. Posnansky Nemesis und Adrasteia (Breslauer philol. Abhandlun-
gen V 2 S. 93 Anm. 1).

ATHEN. MITTHEILUNGEN XV.

5
loading ...