Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 193
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KRIEGERSTATUE AUS DELOS

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nach dieser Seite schliesslich Kavvadias zu neigen, der gradezu
das Vorbild des Agasias in Pergamon sucht. Ich glaube, dass
beide Gelehrte mit dieser Unterströmung ihres Empfindens
der Wahrheit näher waren. Ich vermag mit dem Krieger von
Delos stilistisch nichts näher zusammen zu stellen als die nack-
ten Jünglingsgestalten von dem grossen pergamenischen Altar.
Leider stehen mir hier nur wenige und unzureichende Abbil-
düngen des pergamenischen Reliefs zur Verfügung, und ich
kann deshalb diesen Eindruck nicht im Einzelnen genauer be-
legen, den ich auch vor den Originalen in Berlin hatte, als
ich gute Photographien der delischen Statue mit ihnen ver-
glich. Der Abguss derselben wird hoffentlich bald jeden in den
Stand setzen, seihst genauer nachzuprüfen, was ich nur ober-
flächlich andeuten kann. Der Krieger von Delos steht im Ge-
gensatz zu dem trockenen, mageren, harten Körper des borghe-
sischen Fechters, bei dem alle Muskeln und jede Einzelheit
mit der erstaunlichsten Kenntniss wiedergegeben ist und mit
einer so durchsichtigen Klarheit, dass dies Werk nicht mit Un-
recht so gern dem Unterricht über den menschlichen Körper-
bau zu Grunde gelegt wurde. Aber diese etwas studirte und
darum leicht lehrbare und fassbare Durchsichtigkeit ist so sehr
das Ziel des Künstlers, dass er es vermieden hat irgend welche
Teile des Körpers darzustellen, die nicht geeignet sind, Ener-
gie und Bewegung auszudrücken, und deren Berücksichtigung
die Unterdrückung von anatomischen Einzelheiten verlangt
hätte, auf deren grandiose Beherrschung er mit Recht stolz war.
Die Haut ist für ihn nur der gleichmässige Überzug, der sich
über das System von Muskeln breitet, eine besondere Berück-
sichtigung findet sie nicht, nur am Hals schiebt sie sich zu ein
paar Falten zusammen. Irgend welche weichere Gewebe, be-
sonders Fett, finden als tote und unbelebte Masse keine Gnade
vor den Augen dieses Meisters, der auch die Muskeln nur in
stärkster Spannung und ohne jede Schwellung darzustellen
liebt. Man darf nicht einwenden, dass sich dies alles aus dem
dargestellten Gegenstände oder der gewaltsamen Stellung des
Fechters ergäbe : der Krieger von Delos, der ihm inhaltlich doch
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