Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 211
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RELIEFS AUS THESSALIEN

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dessen genügt, was dargestellt werden soll, nicht minder aber
in den energischen Umrissen des Gesichtes. Allerdings hat
Brunn gerade im Gegensatz zu der hier ausgesprochenen An-
sicht Athen. Mitth. V111. S. 87 von Ungleichartigkeit und Un-
sicherheit, welche in der ganzen Kunstübung hervortrete, ge-
sprochen ; aber dieser Ausspruch erklärt sich leicht aus der
Beschaffenheit des Materials, welches ihm vorlag. Er musste
urteilen nach dem bestgearbeiteten, aber auch ältesten Exem-
plar, dein Relief von Pharsalos, und zwei Stelen, welche wir
jetzt sowohl was Alter als was Arbeit anlangt, mit Si-
cherheit gegen das Ende der Reihe setzen. Es kommt dazu,
dass wenigstens in dem Relief des Vekedamos ein unvoll-
kommen geglückter Versuch einer Neuerung vorliegt, der
naturgemäss eine gewisse Unsicherheit und Ungleichmässig-
keit in die ganze Arbeit bringen musste. Ziehen wir diese
Momente in Betracht, so werden wir sehr leicht begreifen,
dass diese Ungleichmässigkeit und Unsicherheit, die doch nur
dem zufällig einmal gegebenen Material anhaftete, auf das We-
sen der gesammten Kunstübung übertragen werden konnte,
aber wir dürfen uns nun nicht länger der Erkenntniss ver-
schliessen, dass diese Ansicht durch den nun in reicherer Fülle
zugewachsenen Stoff eine Bestätigung nicht erfahren hat.

Neben dieser Strenge haftet unseren Reliefs aber auch eine
gewisse Derbheit der Formgebung an, die sich sowohl in den
stark untersetzten Proportionen, wie in den einzelnen Kör-
perteilen ausspricht. Damit verbindet sich, die Wirkung stei-
gernd, ein fast vollständiger Verzicht auf plastische Modelli-
rung. Man vergleiche beispielsweise das Gesicht eines der Mäd-
chen von Pharsalos oder des Jünglings Athen. Mitth. XII. S.
75 mit dem doch viel älteren Diskosträger (Conze, Die attischen
Grabreliefs Taf. 4), oder Arme und Beine dieser Figuren mit
denen des Aristion, um auf den ersten Blick zu empfinden,
welche Fülle individuellen Lebens jene Skulpturen vor unse-
ren Reliefs voraus haben. Seihst an Stellen, wo man, wie bei der
von vorn dargestellten Brust des Mädchens Athen. Mitth. XII.
S. 78, plastische Modellirung unbedingt erwartet, ist die Run-
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