Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 212
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RELIEFS AUS THESSALIEN

düng nur zum geringsten Teile durch Bewegung der Fläche
angedeutet, und die Wirkung für das Auge fast ausschliesslich
durch radial gezogene Faltenlinien erreicht; in ähnlicherWeise
ist dasselbe Problem gelöst bei der sitzenden Frau auf Tafel VII,
und bei dem einen Mädchen auf der Stele von Pharsalos fehlt
die linke Brust, wie schon Brunn richtig gesehen hat, gänzlich ,
offenbar weil der Künstler sich ausser Stande sah, durch Lage
und Richtung der Gewandfalten die darunter befindliche Brust
anzudeuten. Gerade dieses auffällige Eintreten einer dem Re-
lief doch eigentlich ferne liegenden Darstellungsweise durch
Linien an Stelle der in seinem eigentlichen Wesen liegenden
durch Flächenbewegung verbietet uns einerseits diesen Mangel
an Modellirung etwa bloss auf Unfähigkeit der Handwerker
zurückzuführen, bietet uns aber andererseits auch zugleich den
Schlüssel zur Erklärung der ganzen Erscheinung. Gegenüber
den eben hervorgehobenen Schwächen der plastischen Aus-
führung liegt die Stärke dieser Kunst augenscheinlich in der
feinen Empfindung, welche Haltung und Gruppirung der Fi-
guren regelt und in der gesammten Linienführung sich aus-
spricht. Die poetische Stimmung, welche in dem sanften Nei-
gen des Kopfes, dem lieblichen Spiel der Hände des pharsa-
lischen Reliefs liegt, kehrt in einzelnen Zügen in allen diesen
Werken wieder und trägt sicherlich mit am meisten zu dem
Wohlgefallen bei, mit welchem wir dieselben trotz ihrer Schwa-
chen stets betrachten. Fast alle Figuren tragen irgend ein
Attribut, sei es ein Vogel oder ein Häschen, das sie an die
-Brust drücken, sei es ein Apfel oder eine Blume, die sie sin-
nend beschauen. Auch die Kinderwelt wird in diesen Kreis
hineingezogen, und ein Familienbild schönster Art bietet Tafel
VII, wo der heimkehrende Bruder dem Schwesterchen ein
Vögleinmitgebracht hat, nach dem es zappelnd langt, ein Bild,
das seine Wirkung auf unser Gemüt trotz der trockenen Ar-
beit nicht verfehlt. Auf die besondere Zierlichkeit, mit wel-
cher die Hände gebildet sind, wurde bereits hingewiesen—
freilich ist hier gerade der Kontrast zwischen Wollen und
Können am störendsten.
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