Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 235
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ZUR GESCHICHTE DES GRIECHISCHEN ALPHABETS

Die meist umstrittene aber auch bedeutungsvollste Frage
der Geschichte des griechischen Alphabets ist die nach dem
Grunde der verschiedenen Wertung von X und Y in der öst-
lichen und westlichen Gruppe. Während Kirchhoff sich auch
in der vierten Auflage seiner Studien zur Geschichte des grie-
chischen Alphabets die Beschränkung- auferlegt, bloss die
Fragstellung zu präcisiren, sind von Schlottmann, Wilamo-
witz, Taylor, Gardthausen und Giermont-Ganneau Erklärun-
gen versucht worden, welche nicht bloss Kirchhoff nicht über-
zeugt haben, sondern auch ihrer Natur nach eines Beweises
nicht fähig waren. Es waren durchwegs Einfälle von grösse-
rer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, die jedoch nicht von
der Betrachtung des epigraphischen Materials, sondern vom
Alphabet als solchem ausgingen und dadurch der an sich zur
Zeit nicht absolut lösbaren Frage den realen Boden entzogen
haben.

Verbreitung hat die hinsichtlich der Erklärung der Buch-
stabenformen sehr wahrscheinliche Theorie von Wilamowitz
(Homerische Untersuchungen S. 289) gefunden, der gemäss
das Zeichen X oder welches in der östlichen Gruppe y
bedeutet, in der westlichen Gruppe als aus Samecli differen-
zirt erschien und daher als c gewertet wurde. Aber offenbar
musste zu der Zeit, als das östliche Alphabet der westlichen
Gruppe bekannt wurde und damit nach Wilamowitz’ Ansicht
zugleich das Zeichen X, wenn dieses als Samecli erscheinen
sollte, die westliche Gruppe ein Samecli und zwar in der Wer-
tung von £ besessen haben, d. h. in diesem Punkte mit der
östlichen Gruppe gestimmt haben. Denn wie hätte man sonst
das Zeichen in dieser Weise missverstehen können ? Dass aber

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ATHEN. MITTHEILUNGEN X\.
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