Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 362
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DAS KABiRENHEILIGTÜM BEI THEBEN

hier ebenfalls nur kurz erwähnen, dass ich auf Grund der
frappanten Übereinstimmung mit dem oben besprochenen
Hermes mit dem Lamm auch die Hermesstatue, welche zu
dem sogenannten Phokion entstellt ist1, für ein \Y erk dieser
Kunst halte.

Während alle diese Jünglingsfiguren eine geschlossene Mas-
se bilden, sind wenige Figuren von abweichendem Charakter
vorhanden, so vier Exemplare eines stehenden Jünglings, der
in der herabhängenden Rechten einen Vogel hält; in Stellung

O O 1 O

und Gewandanordnung stimmt er völlig mit dem Hermes
praxitelischer Kunst überein, der in dem sogenannten /Ynti-
nous vom Belvedere und seinen Repliken vorliegt. Von den
schönen tanagräischen Jünglingsfiguren ist kaum eine Spur
vorhanden ; wahrscheinlich gehört dorthin ein verhältnissmäs-
sig grosser, sehr schöner Jünglingskopf von sorgfältiger Ar-
beit, sicher ein Fragment, das zu einer Figur wie Martha
Taf. 1 gehört haben muss. Einige andere Fragmente sind
nach dem testen, roten Thon kaum als böotisches, eher als
attisches Fabrikat anzusehen.

Wenn man die ungemein grosse Anzahl dieser Jüngiings-
figuren in Betracht zieht und besonders mit der im Verhält-
niss verschwindend kleinen Zahl der gleichartigen und sonst
in Böotien gleich häufigen Frauenfiguren vergleicht, so kann
man sich dem Schluss nicht entziehen, dass diese Junglings-
gestalten für den Kult eine besondere Bedeutung gehabt haben,

1 Den Nachweis, dass diese Statue Hermes sei, habe ich (Berliner Gips-
abgüsse 479) durch Vergleich der bekannten Gemme des Dioskurides ge-
geben. Furtwängler, der mir darin gefolgt ist (Jahrbuch III S. 219),
verweist auf eine Bemerkung Brunn’s über die Ähnlichkeit der beiden
Werke, die mir weiter nicht bekannt ist. Übrigens liegt eine zweite
statuarische Replik in der Statuette der Galleria dei candeiabri 269 Ü (Pi-
stolesi VI Taf. 59,1) vor, die aber offenbar nach dem ergänzten ‘Phokion'
ergänzt ist. Ich habe mir als neu notirt: Kopf und Hals, rechte Hand mit
einem Teil des Unterarms, den ganzen linken Arm mit dem ihn bedecken-
den Gewand, die Beine von den Knien abwärts und viele Teile der Chla-
mys. Eine dritLe Kopie ist eine kleine ßronzestatuette im Göthehaus (bez.
23) zu Weimar; der rechte Arm und die linke Hand fehlen, der jugendliche
Kopf mit Petasos ist erhalten. Vgl. auch Roscher’s Lexikon I, 2 S. 2408.
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