Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 15.1890

Seite: 438
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DER ALTE ATHENA - TEMPEL AUF DER AKROPOLIS

Luft. Keine Nachricht berichtet von einer solchen Zerstörung,
vielmehr sprechen mehrere Gründe entschieden dagegen. Es
wäre verständlich gewesen, wenn der alte Tempel nach Vol-
lendung des grossen Tempels oder des Erechtheion abgebro-
chen worden wäre. Da er aber nicht nur erhalten bleibt, son-
dern sogar nach dem Brande von Jahre 406 wiederhergestellt
wird, so werden gewiss religiöse oder praktische Gründe die
Erhaltung des alten Baues verlangt haben. ‘Zur Erhaltung
des alten Tempels wirkte unzweifelhaft auch der religiöse
Grand mit, aus welchem auch jetzt noch die Griechen die
vollständige Aufgabe geweihter Orte und Sachen oder ihrer
Umänderung zu nicht religiösem Gebrauche vermeiden’, sagt
Lölling selbst S. 655, um das Bestehen des Tempels im 5.
und 4. Jahrhundert zu erklären. Gleichwohl stellt er die Hy-
pothese auf, dass der ganze Tempel, trotz des darin befind-
lichen Altars und Cultbildes, etwa im 3. Jahrhundert voll-
kommen abgebrochen worden sei, ohne auch nur irgend einen
Grund für ein solches Vorgehen der Athener anführen zu
können.

Meines Erachtens darf derjenige, welcher das Fortbestehen
des Tempels bis zum Ende des 4. Jahrhunderts zugieht, den
Tempel nicht später ohne Weiteres verschwinden lassen, son-
dern er ist verpflichtet zu untersuchen, ob nicht Pausanias
bei seiner Beschreibung der Burg den Tempel erwähnt. Nun
ist seit Urlichs wohl Jedermann überzeugt gewesen, dass Pau-
sanias (1 24, 3), bevor er den Parthenon beschreibt, und kurz
bevor er die ebenfalls ihrem Aufstellungsort nach bekannte
Statue der Ge erwähnt, von einem Tempel der Athena und
zwar der Ergane spricht. Und man glaubte sich berechtigt,
auf dem Plane der Akropolis einen solchen Tempel, obwohl
keinerlei Reste desselben gefunden waren, einzuzeichnen. Jetzt
jedoch, wo in der Nähe des Standortes der Ge wirklich ein
Tempel gefunden ist, von welchem wir wissen, dass er nicht
nur im 6, sondern auch im 5. und 4. Jahrhundert noch be-
stand, und welcher der Athena Polias, die zugleich auch die
Ergane war, geweiht war, leugnet man kurzweg, dass Pau-
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