Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 79
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EIN ALTES PARTHENONPROBLEM

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solche Fragen gestellt hat, ist die Parthenonliteratur üppig-
aufgeschossen. Manche alte Anschauungen sind abgetan, neue
Probleme in unseren Gesichtskreis getreten, im Streite der
Meinungen schien die Unsicherheit über wichtige Grund-
tatsachen manchmal grösser als sie in Wirklichkeit war. Dass
wenigstens die Composition der Giebelgruppen alle diese
Zeit her in ihren Grundzügen geblieben ist wie Michaelis
sie sah, verdanken wir einzig den wackeren Zeichnern von
1674, deren Darstellungen im Einzelnen, besonders durch die
Kritik der Standspuren, wohl abgeändert und corrigiert, im
Ganzen nur bestätigt worden sind. Jetzt gelingt es eine em-
pfindliche Lücke dieser Darstellungen zu füllen, und wieder
bewährt sich wenigstens der bessere Zeichner: in den Raum
zwischen seinen Figuren A und B würde der neue Torso sich
zwanglos einfügen. Aber um so deutlicher fällt nun ins Auge,
dass der andere Flügel nicht correct gezeichnet ist, dass die
Lücke zwischen U und V nur in der Zeichnung, nicht in
Wirklichkeit existiert. Sträuben wir uns nicht gegen diese
Einsicht, die das Verdienst des Zeichners kaum schmälert,
uns aber eine befriedigende Vorstellung von der Composi-
tion des Westgiebels und von ihrer grundsätzlichen Über-
einstimmung mit der des Ostgiebels vermittelt.

Und endlich kein Wort von der Deutung des neuen
Torso? Es ist sehr zu bedauern, dass sein Attribut unkennt-
lich geworden ist und seine Gesamterscheinung, so eigen-
artig sie ist, uns keine Benennung erlaubt. Dass er zwischen
dem kräftigen Mann B, der in typischer Weise das Elimation
um den Unterkörper geschlungen hat, und dem geschmeidi-
gen, jugendlicher erscheinenden, von seinem Gewand nur
leicht umgebenen Mann A ganz nackt erscheint, verrät uns
wohl, dass er ein Jüngling ist wie S, bei dem Gewand vor-
handen ist, aber kaum sichtbar wird. Unter den jugendlichen
Heroen des attischen Landes wird er zu suchen sein. Aber
keinen Schritt weiter wage ich mich, und wollte ich es, ich
müsste das ganze grosse Thema der Deutung beider Giebel-
gruppen wieder aufrollen. Es genüge für heute festzustelleu,
dass die letzte zusammenhängende Deutung des Westgiebels,
die Furtwängler’sche (Meisterwerke 230 ff.), in einem wichti-
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