Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 123
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ZU DEN GRABSTELEN VON PAGASAE

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handwerksmässig geringer Ausführung in der entzückend
frischen Auffassung zu den fesselndsten der Sammlung ge-
hört. Auch aus Attika kennen wir es in einer Reihe von Bei-
spielen, am reizvollsten und ähnlichsten auf der noch dem
V. Jahrhundert angehörenden Stele der Asia (Conze 58 Tf. 26).
Wenn wir es hier wiederfinden, mögen wir auf eine örtliche
Tradition schliessen, die vielleicht auf einer schon im V. Jahr-
hundert einsetzenden Beeinflussung von Attika beruht. Die
übrigen Darstellungen lassen sich mit Leichtigkeit in die
verschiedenen, von den attischen Grabreliefs geläufigen Sche-
mata einreihen und mit genauen Parallelen belegen; da von
den meisten der Stelen noch keine Abbildungen vorliegen,
hat es keinen Wert, diese Vergleichung hier in Worten vor-
zunehmen. Nur auf eine charakteristische Verschiedenheit
im Gesamteindruck möge hingewiesen werden. Das mannig-
faltige Variieren und feine Individualisieren allgemein fest-
stehender Typen, das wir in der attischen Grabkunst bewun-
dern, beschränkt sich im fünften und vierten Jahrhundert
auf die grossen, kostbaren Monumente in Naiskosumrahmung.
Die Mehrzahl der einfachen Stelen und der mit ihnen zusam-
mengehenden Lekythen zeigt im Gegensätze dazu eine er-
müdende Gleichförmigkeit und schematische Abwandlung
der vorhandenen Vorlagen. Wenige Ausnahmen stehen zu die-
ser allgemeinen Gegenüberstellung nicht im Widerspruch. Sie
beruht auf der durch die grosse Production hervorgebrachten,
ausgeprägten Scheidung zwischen wenigen, für vornehme
Kunden arbeitenden, künstlerisch höher stehenden Bildhauern
und gewöhnlichen Handwerkern, die den Bedarf der grossen
Massen befriedigen. Derartig grossen Wertunterschieden be-
gegnen wir auf den pagasaeischen Stelen nicht. Das künstle-
rische Niveau steht zum Teil auf derselben, zum Teil auf
etwas höherer Stufe als das der Masse der attischen Stelen-
reliefs. Dafür fehlt die Einförmigkeit der Massenproduction;
der Eindruck ist im Verhältnis zu der Zahl der erhaltenen
Werke ungleich reicher und wechselnder, fast jede Stele er-
freut uns mit einer individuellen Ausgestaltung des üblichen
Schemas, sei es in der Anordnung der Figuren, in der Far-
bengebung oder in kleinen Änderungen in Haltung und Ge-
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