Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 153
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BEMERKUNGEN ZUR ALTKRETISCHEN RELIGION 153

plötzlichen Bruch hat diese Völkerbewegung nicht zur Folge
gehabt. Der Entwickelungsprocess, wie ihn die Denkmäler
zeigen, ist dem leisen Ausklingen eines Liedes vergleichbar.
Die alten Formen werden langsam, aber sicher umgemodelt.
Friedlich scheint die alte Bevölkerung, soweit sie nicht aus-
gewandert ist, eine Zeit lang neben der neuen gesessen zu
haben; die Weiterbewohung der meisten Stätten minoischer
Zeit* 1 und das Fortleben älterer ungriechischer Ortsnamen,
die 'nur dann von einer Bevölkerung auf eine andere über-
gehen können, wenn die beiden friedlich eine Zeit lang neben-
einander gewohnt haben'2, spricht dafür.

Lange haben sich die Achäer und Pelasger der Herr-
schaft über die schöne Insel nicht erfreut: gegen Ende des
zweiten Jahrtausends3, am Ausgange der dritten spätminoi-
sehen Epoche, werden sie durch die einwandernden Dorer
abgelöst. Tief und einschneidend ist der Bruch, den diese
Bewegung auslöst. Ihre Wirkung können wir auf Schritt und
Tritt verfolgen. Der Beginn der Eisenzeit, die volle Herr-
schaft des geometrischen Stiles4 lassen sich kaum davon
trennen. Die alten Bevölkerungselemente werden aus den
fruchtbaren Ebenen in die Berge zurückgedrängt oder sie
wandern aus. Die Ansiedelungsstätten der älteren Zeit wer-
den zumeist verlassen, neue entstehen. Es ist ein charakte-
ristischer Unterschied zwischen den offen und ungeschützt
daliegenden minoischen Siedelungen und den Orten, die die-

Untersuchungen über den kretischen Dialekt, z. B. die Arbeit von Brause
(Dissert. Halle 1909), stehen mir hier nicht zur Verfügung.—Vgl. besonders
Meister, Dorer und Achäer, Abh. der phil.-hist. Kl. der Sächs. Gesellsch.
der Wissensch. XXIV.

1 Vgl. Mrs. Boyd-Hawes, Gournia 4 Anm. 56; 5; 7.—Von einer stärke-
ren Abwanderung der eteokretischen Bevölkerung aus dem Centrum in den
Osten der Insel um diese Zeit verraten die Funde nichts.

2 Ein Satz Eduard Richters, den ich S. Riezler, Münch. Sitz.-Ber. 1 909,
20 entnehme.

3 Für die Chronologie vgl. Burrows, Discoveries in Crete 98 ff.; Fim-
men a. a. O.—In der verhältnismässig schnellen zeitlichen Aufeinanderfolge
der achäisch-pelasgischen und dorischen Einwanderung sehe ich keine
Schwierigkeit.

4 Vgl. Mackenzie, BSA. XIII 441 ff.
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