Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 164
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H. PRINZ

bungen, aber alle diese Typen als verschiedene Wesensformen
ein und derselben Göttin aufzufassen, ist auf Grund des kre-
tischen Materials allein unmöglich. Weiter helfen hier die
vorderasiatischen Quellen und Denkmäler b

In erster Linie kommt für unsere Untersuchungen der
chetitisch-kleinasiatische Kulturkreis in Betracht. Die Bedeu-
tung desselben ist neuerdings eingehend von Eduard Meyer 1 2
gewürdigt worden. Unsere Kenntnis der Religion dieses Krei-
ses beruht auf zwei Quellen, einmal einer Fülle von Denk-
mälern, die zum grössten Teile der Blütezeit des grossen clie-
titischen Reiches von Boghasköi 3 (zweite Hälfte des zweiten
Jahrtausends v. Chr.) angehören, das sich über ganz Klein-
asien und bis tief hinein nach Syrien erstreckt hat, zweitens
in den uns in klassischer Zeit auf diesem Gebiete bekannten
Kulten, die im hellenischen Gewände mehr oder minder un-
verfälscht die alte Tradition wahren.

Vor den Chetitern von Boghasköi, so wollen wir sie ein-
mal nennen, finden wir in der ersten Hälfte des zweiten Jahr-
tausends in Syrien die Mitani, welche ebenfalls der chetiti-
sch-kleinasiatisehen Bevölkerung angehört haben (Ed. Meyer
617 ff.). Ja es ist sehr wahrscheinlich, dass in noch viel älte-
rer Zeit in dieser Gegend kleinasiatische Elemente gesessen
haben (Ed. Meyer 654 ff.), die dann nach und nach den ein-
wandernden Semiten erlegen sind. Die alten Kulte, welche
sich in den Hauptpunkten mit denen Kleinasiens decken,
sind dabei einfach von den neuen Ansiedlern übernommen
worden und haben sich in mehr oder minder reiner Form
(vgl. den Kult von Doliche, Bambyke n. a.) bis in die römi-
sche Kaiserzeit hinein erhalten4.

Die mannigfachen Beziehungen auf religiösem Gebiet
zwischen unserem Kulturkreise und dem sumerisch-babyloni-

1 Sie sind z. T. schon in grösserem Umfange von Milani a. a. O. heran-
gezogen worden, aber seine Darstellung ist zu unkritisch, als dass ich näher
darauf eingehen könnte.

2 Gesch. d. Altert.2 I 2,611 ff.; vgl. auch Messerschmidt, Die Hettiter.

3 Über die Resultate' der deutschen Ausgrabungen an dieser Stätte
vgl. jetzt Puchstein, Arch. Anz. 1909, 489 ff.

4 Die phönikisch-punische Religion geht in ihrer Urform darauf zurück.
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