Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 169
DOI Heft: 10.11588/diglit.29170.4
DOI Artikel: 10.11588/diglit.29170.14
DOI Seite: 10.11588/diglit.29170#0181
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1910/0181
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
BEMERKUNGEN ZUR ALTKRETISCHEN RELIGION 1 69

Ein drittes Charakteristiken der chetitisch-syrischen
Magna Mater ist die Nacktheit, die sie als Göttin der wilden
Liebeslust, der Sinnenfreude und als schöpferische Gebärerin
symbolisiert. Das Motiv wird häufig noch verstärkt durch
das Pressen oder Legen der Hände unter die Brüste.

Drei Darstellungsreihen lassen sich scheiden:

1. Die Göttin steht nackt, die Hände unter die Brüste
gepresst oder eine Art Festen in den Händen haltend, häufig
dazu noch auf einem Postament, das wahrscheinlich nichts an-
deres als eine Umdeutung der Bergdarstellung ist. Beispiele:
die Siegelcylinder Morgan PI. XXXII 244 u. 245; Ward,Amer.
Journ. II1 1 899, 27 f. Fig. 35 u. 36: vgl. ferner das assyrisierende
chetitische Relief von Karkemisch, Perrot-Chipiez IV 808 Fig.
390; hier ist die Göttin zudem geflügelt. Besonders beachtens-
wert ist die Darstellung auf dem Cylinder Ward, a.a.O. 30 Fig.
40(=Lajard PI.XXXII9); hier fliegen um sie herum Tauben.

2. Die Göttin steht nackt, Feston in den Händen hal-
tend, häufig' auch noch unter einem Baldachin auf liegendem
oder aufrechtem Stier. Beispiele: Ward, a.a.O. 24 Fig. 29. 26
Fig. 33; Menant, Glyptique I PI. III 7.

Die Verbindung mit Gruppe 1 gibt der Siegelcylinder
Ward, a.a.O. 27 Fig. 34; hier kommen auf die auf liegen-
dem Stier stehende nackte Göttin zwei Tauben zugeflogen.
Noch wichtiger ist der Siegelcylinder Morgan PI. XXXI 237.
Hier kommt der nackt, Feston in den Händen haltenden, auf
liegendem Stier stehenden Göttin ein männlicher, über Berg-
kuppen hinschreitender Gott entgegen, der Keule und Krumm-
stab und das Leitseil, an das der Stier gebunden ist, in den
Händen hält. Der Gott ist kein anderer als der Blitz- und
Wettergott Teschub1, den wir so häufig auf dem Stier stehend
dargestellt finden. Dass er auf unserem Cylinder den Stier
am Leitseil hält, beweist, dass auch in diesem Falle das Tier
ihm zugehört und nicht der Göttin, was dann aber auch für
die anderen Fälle zu folgern ist2. Die dargestellte Scene ist

1 So der chetitischeName; ich könnte ihn auch mit dem der Amoriter
ilu Martu oder Hadad nennen, das kommt auf dasselbe hinaus.

2 Diese Darstellung bietet auch den Schlüssel für die Erklärung des
Europamythus ; vgl. Teil II.
loading ...