Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 174
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H. PRINZ

Auch die zweite Gruppe Nr. 5-8, der Nr. 9 anzuschlies-
sen ist, bietet manche Verwandtschaft, ohne dass jedoch ein
strikter Beweis erbracht werden könnte. Bei Nr. 10 spricht
die Doppelaxt, welche sie in den Händen hält, für die Magna
Mater, die in diesem Fall das Symbol ihres jrapeÖQog, des
Blitz- und Wetterherrn (s. Teil II) schwänge.

Die Jiörvia •ötjqcöv (Nr. 11 und 12) findet Analogien im
chetitisch-syrischen Kreise. Auf den Siegelcylindern Morgan
PI. XXV 176 und Furtwängler, Gemmen I Taf. I 6 ist sie ge-
flügelt dargestellt, Böcke oder Antilopen hinaushaltend. Frag-
lich ist es aber, ob diese Gottheit der Magna Mater gleich
zu stellen ist. Die Beflügelung könnte in Zusammenhang
gebracht werden, mit der nackten Göttin auf dem Relief von
Karkemisch, aber dieses ist erst aus assyrischer Zeit. Der spä-
teren Zeit ist die Vorstellung der Magna Mater und ihr ver-
wandter Formen als jrötvia {b]Qo5v recht geläufig 1. Vielleicht
liegt auch diese Vorstellung schon der Darstellung der Göt-
tin zwischen den Löwen (Typus IV 2-4) zu Grunde, wenn
auch der directe Hinweis fehlt. Wäre dies sicher nachzuwei-
sen, so wäre die jtörvia ütiqcüv (Typus VI Nr. 11 und 12) nicht
davon zu trennen h

Die Analyse der Darstellungen der weiblichen Gottheit
im minoischen Kulturkreise ergibt also folgende Resultate:
1) Typus I-V sind nicht verschiedene Gottheiten, sondern
nur die durch den Wechsel der Symbole charakterisierten
einzelnen Wesensformen einer und derselben Göttin. Für die
Darstellungen des Typus VI lässt sich dies nicht mit der
gleichen Sicherheit behaupten. 2) Diese Gottheit ist eine der

1 Material neuerdings gesammelt bei Radet, Cybebe 5 ff. u. Thompson,
JHS. XXIX 1909, 297 ff. Dass der Typus der geflügelten jrorvia üriQCÖv
auf die lydische Form der Magna Mater, die Kybebe, zurückgeht (so Radet,
a. a. O. 42 ff.), lässt sich nicht erweisen. Die von Radet PI. I publicierte Thon-
platte aus Sardes mit der Darstellung einer geflügelten, löwenhaltenden
Göttin kann hierfür nicht als Ausgangspunkt dienen. Der Typus an sich
ist viel älter, wie die oben angeführten chetitischen Beispiele lehren.

1 Der Typus der Gottheit als Tierbezwinger oder Tierbändiger ist su-
merisch, tritt dort besonders in der Darstellung des sogenannten Gilgamesch
auf, von dort aus wandert er weiter, und findet sich auch auf Kreta als
Ausdrucksform einer männlichen Gottheit; vgl. darüber Teil II.
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