Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 271
DOI Heft: 10.11588/diglit.29170.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.29170.19
DOI Seite: 10.11588/diglit.29170#0283
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/am1910/0283
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
HEILIGE STÄTTEN IN DELPHI 271

wohl der Omphalos. Der Nabelstein stand im Adyton des
Tempels und zwar in einer eigenen Aedicula, wie Karo aus
den von Bourguet edierten Bauinschriften erschlossen hat1.
Diese mit einer eigenen Vorhalle und einem Dach versehene
Capelle verglich Varro gut mit einem 'Schatzliaus3 2: es war
offenbar ein kleines templum in antis.

Dass Apollon den öpcpcdog yfj? nicht mit nach Delphi
brachte, ist wohl sicher; aber zu welchem der alten Ortskulte
gehört er denn? Schon Erwin Rohde wollte öpcpcRöv rffg
schreiben—sehr unwahrscheinlich, wenn man an den Homer-
vers a 50 denkt: öüi G öpcpoAög soti OcAdamp;—und J. Harri-
son (JHS. XIX 1899, 225 ff.) versuchte weiter die Beziehung
des Omphalos zu dem Orakel der Ge zu begründen, ohne
aber unseres Erachtens eine innere Verbindung zwischen bei-
den nachweisen zu können3. Denn offenbar ist der Nabel erst
dadurch zum Orakelstein geworden, dass er zum Besitz des
weissagenden Gottes gehört; zu dem Orakel aber hat der
Dreifuss mehr Beziehung als der Nabel.

Und doch hat der Omphalos in Delphi selbst sein Vor-
bild. Schon längst ist die cenge Beziehung zwischen ihm
und dem Kronossteine’ (Karo) aufgefallen: der letztere ist
gleichsam ein altertümlicher Omphalos. Er wurde täglich
mit Ol begossen und an jedem Feste in roher Wolle gebet-
tet; der delphische Nabel aber war ganz mit Wollbinden um-

1 Ort des Omphalos: Studniczka, Hermes XXXVII 1902, 263; vgl.
Karo bei Daremberg-Saglio s. v. Omphalos 198. Die Bauinschriften (BCH.
XXVI 1902, 42 ff.) erwähnen ausser der ngocm/ou; des Prodomos (p. 64 II 7)
und der des Opisthodomos (p. 55, 6) eine rcpooTaoig a nqo ron öprpaAon
(p. 42, 32); die Aedicula hatte auch Seitenwände, deren Quadern genannt
werden (p. 65 II 16 ff.), ferner ein Epistyl (p. 42, 31) und ein Dach (lutoSoxiov
p. 65 II 19), war also ein regelrechtes kleines Tempelchen.

2 Varro 1. 1. VII 17: Delphis in aede ad latus (allatus MS) est quiddam
ut thesauri specie, quod Graeci vocant opcpodov, quem Pythonos aiunt esse
tumulos. Nach Rohde (Psyche 2 132 A. 1) soll Varro die Form des Omphalos
mit den mykenischen Kuppelgräbern, nach Karo (198 A. 3) gar mit römi-
schen Sparbüchsen verglichen haben, während Studniczka (259 A. 1) auf
eine Deutung verzichtete.

3 Auch Diels in der Miscellanea Salinas 14 Anm. (worauf mich L. Mal-
ten verweist) bringt den Omphalos mit dem Kulte der Ge zusammen.
loading ...