Deutsches Archäologisches Institut / Abteilung Athen   [Hrsg.]
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Athenische Abteilung — 35.1910

Seite: 272
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A. FRICKENHAUS

wickelt, und mindestens seine Nachahmungen wurden mit
01 gesalbt1. Der Kronosstein lag in dem Bezirk des Neopto-
lemos und zwar, wie wir oben nach dem topographischen
Befund annehmen mussten, in dem kleinen Tempelchen, das
bisher als Schatzhaus angesehen wurde—genau so wurde der
Omphalos innerhalb des Apollotempels von einem eigenen
Tempelchen, dessen Form Varro mit einem Schatzhaus ver-
glich, umschlossen.

Was aber ist der Kronosstein? Nach seiner topographi-
schen Lage gehört er zu Pyrrhos (Neoptolemos), und ich zwei-
fele nicht, dass er ursprünglich eben das Kultsymbol dieses
alten, von Usener erkannten Gottes war. Der ausserordent-
lich starke Kult, den das Object empfing, war den Apollo-
priestern höchst ärgerlich ; sie haben sich nur dadurch zu
helfen gesucht, dass sie zu seiner Erklärung einen neuen
Mythus (von Kronos) erfanden, den Kult des Pyrrhos an ein
fictives Grab knüpften und im Apollotempel einen neuen
Nabelstein errichteten, der als Centrum der Erde erklärt
wurde2. So hat es denn Apollon nicht fertig gebracht den
Kult seines alten Widersachers ganz aufzuheben, so sehr er
AeAxpoR övsiöog war; und wenn die Sage erzählte, Neoptole-
mos habe sich an Apoll vergangen, so erkennen wir genau
das Gegenteil : der neue Gott hat den alten so gut es ging
vernichtet.

Ebenso wie die christlichen Kirchen erst durch die Mas-
senanhäufung von Reliquien zu den Stätten besonderer Hei-
ligkeit wurden, so hat auch Apollon in seinem Tempel alles
vereinigt, was die ältere delphische Religion an heiligen Ob-
jecten besass. Das Orakel der Ge, der Nabel des Neoptole-
mos, die Schlangen der Delphyna, der Altar des Poseidon,

1 Vgl. Hock, Griechische Weihegebräuche 35. Über den Kronosstein
ebenda 34, über den Omphalos 36 ff.

2 Der alte Zusammenhang zwischen Neoptolemos und dem Nabel
klingt noch nach in der Sage, dass Neoptolemos zuerst im Tempel (wo der
späterere Omphalos stand) begraben worden sei (oben S. 248) und ferner
vielleicht in den bildlichen Darstellungen seines Todes, die den Schauplatz
durch den Omphalos bezeichnen (Karo bei Daremberg-Saglio s. v. Ompha-
los 200).
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