Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 37
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einen Adler ansieht. *) Das Alterthum war eben so sehr
in den Nebenwerken der bildenden als der singenden Kunst
ausdrucksvoll und bedeutsam. Es giebt, wie schon längst
bemerkt worden, im ganzen Homer kein eigentliches bloß
ausschmückendes d. h. ausfüllendes Epitheton, wenn auch
bei gewissen Eigennahmen und Begriffen stets dasselbe Bei-
wort wieder vorkommt. Eben so kann man bei Bildwerken
aus der guten Zeit des klassischen Alterthums immer im vor-
aus überzeugt seyn, daß bei Beiwerken kein Zusatz irgend
einer Nebenfigur bloß da sey, um den Raum auszufüllen **)
oder um eines leeren Schmuckes willen. Uebertrieb von
jeher eine allzuängstliche Kunstexegese die Anwendung die-
ses Grundsatzes durch allzukleinliche und spitzfindige Ausdeu-
tung ; so mag diese witzelnde Deutelei getadelt, aber wegen
des Misbrauchs die richtigere Anwendung nie unterlassen
werden.

Schon die Wahl des Baums, um und auf welchem hiev
die bedeutsame Thierwelt ihr Wesen treibt, ist bezeichnend.
Eine genaue Forstbotanik ist zwar nicht die Stärke der alten
Sculptur. ***) Doch gicbts allgemeine Merkmale. Man
wird wegen des großen Zusammenhangs der chaonischen Eiche
mit dem Zevs hier zuerst an die Eiche denken. Allein da
fehlen die auf großem Denkmalen nie weggelassenen Eicheln.

*) Aquilae, quarum altera leporem eviscerat, altera pullis
suis in nido adversus draconem subvenit, reponendae sunt inter
parerga ornatus causa a sculptore addita, zu n. 26.

**) Man bedenke hierbei noch, daß nur das Hintereinander des
neuen malerischen Prinzips, nicht das Nebeneinander des alten plasti-
schen Prinzips auf Reliefs re. der Ausfüllung bedarf.

***) Was Filippo Visconti zum Museo Chiaramonti p. 14.
von der Verwechslung der verschiedenen Eichelfrüchte tragenden Baume
und Millin in den Peintures des Yases antiques. T. II. p. 54.
von der fantastischen Willkühr in Darstellung der Pflanzen und Blu-
men bemerkt, wird jeder aufmerksame Beschauer alter Denkmäler
überall bestätigt finden.
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