Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 40
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keine Raubthiere gegeben habe und — die seltsamste Verir-
rung einer dichterischen Hyperbel — alle fleischfressende
Lhiere nur noch sanftmüthige, graßfressende Geschöpfe gewe-
sen waren. Ueberall wird daher, wo von der Wiederkehr
des goldenen Zeitalters nach sibyllinischen Liedern und Pro-
phezeiungen und sonst bei Dichtern die Rede ist, der Umstand
besonders herausgehoben, daß dann Raubthiere und Drachen
nicht mehr gefunden werden würden.

Selbst wird jetzo die Geis mit Milchgeschwollenen Eutern
Heimgehn und nicht fürchten das Rind den gewaltigen

Löwen,

heißt es in der berühmten prophetischen Ekloge Virgils, und
gleich darauf folgt:

bewiesen, daß es eigentlich nur ein goldenes und in zwei entgegenge-
setzten Richtungen ein ausgeartetes, silbernes und ehernes Menschen-
geschlecht gegeben habe. Nur das hat er nicht deutlich genug ent-
wickelt, woher diesen Menschen - oder Zeitaltern die metallischen Namen
kamen. Unsers Bedünkens geht auch hier alles von der großen Revo-
lution aus, welche die kuretische Erzbewaffnung und die damit aufs
genauste zusammenhängende Kampfer- und Heroenzeit (man vergl.
die feine Entwicklung in Köppen über Homers Leben und
Gesänge S. 166. ff.) veranlaßt. Das hieß das eherne Geschlecht.
Das hat alles von Erz, das schmiedet (nach Aratus) das eherne
Schwert.' Hesiodus unterscheidet zwar das Heroengeschlecht als das
vierte. Das ist aber auch ganz in der Ordnung. Denn erst mußten
von der Cretensischen Götterdynastie die Titanenkampfe durchgekampft
sepn, bevor die Heroenwelt begann. Die Bezeichnung goldnes,
silbernes Geschlecht entstand erst, als man fragte, was denn vor
dem ehernen gewesen wäre. Da war es natürlich, daß man die
edlen Metalle, die damals in Kleinasien und Thrazien gediegen ge-
funden wurden und von selbst, wie alle Gaben der Erde, vor dem
Ackerbau sich darboten, zur Benennung wählte. Man denke nur an
das Cyclopenleben in der Odyssee.
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