Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 44
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Wer mag den Bilder'.Homer des Alterthums ermessen?
Noch ist die von Heyne mehrmals ausgesprochene Idee,
daß ein sachverständiger und in den Classikern wohl be-
wanderter Sammler nur in einem andern Sinn, als Cay-
lus seine Entwürfe zu einer Homerischen Bildergallerie
herausgab und Tischbein mit Fleiß und Witz, aber
ohne alle Kritik, wirklich vorhandene Antiken abbildete,
die etwa vom Homer ausgegangen seyn könnten, alle Stel-
len der Alten genau sammeln möchte, in welchen sich Er-
wähnung Homerischer Bildwerke findet. Was A. Majo
aus den Schätzen der Ambrosianischen Bibliothek neulich
publizirte, wird schwerlich zu tröstlichen Resultaten führen.*)
Aber man kann mit einiger Zuversicht annehmen, daß eine
Hauptszene aus dem sogenannten Cyclus vor der eigentli-
chen Iliade (aus den^nte-HoinerieiZ), das Drachenwun-
der zu Aulis auch schon sehr früh gebildet und gemalt wor-
den ist, und so mag, was wir auf unserm Relief sehen,
allerdings nur für eine Reminiscenz des Künstlers, für
ein aus einem größern Werk entlehntes und hier einem
höhern Zwecke nur untergeordnetes Bild nicht mit Unrecht
angesehen werden. Durch frühe Angewöhnung ist dieser
Baumdrache unserm christlichen Auge ein satanisches Trug-
bild geworden. Allein dem classischen Alterthum erschien
die Orakelgebende und Wachehaltende Schlange (der eigent-
liche Drache) als ein sehr ehrwürdiges Wesen, und die
plastische Kunst gefiel sich in Darstellung seiner dem Auge un-
gemein wohlthuenden Kreise und Windungen eben so sehr,
als die Dichter in prächtigen Schilderungen dieser imposan-
ten Formen (man denke nur z.B. an Aeneid. V, 84 ff.) **)

Reliquie des Platanusftammes und in der Quelle, die man noch dort
zeigte, nach Pausanias IX, 19. 5.

*) Doch ist diese Szene dort gebildet. Fragmenta iliados tab.Xll.

**) Die Schriften über die Ophiolatrie, oder Schlangenanbetung
und Gaukelei, machten schon in Fabrizius Bibliographie ein langes
Verzeichniß. Wie viel interessantes hat uns von Hammer in sei-
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