Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 163
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Denkmale vorkommend, ist der Theil der Kleidung, der von
der Achsel sich seitwärts herabsenkt, und vollkommen einem
langen ausgezogenen Ermel gleich sieht. Dies erinnert un-
willkührlich an nordische Trachten, die noch in unsern Zeiten
üblich sind: an Ermel, die frei von der Achsel am Kleide
herabhangen, in die man aber bei schärferer Witterung die
-Arme bergen kann. Die ernste Figur, auf dem rechten
Beine geradestehend, trägt Schuhe — nicht bloß Sohlen —
an den Füßen, und hält vor sich mit beiden Händen ein
topfartiges, nach oben sich erweiterndes Gefäß. Noch ließe
sich bemerken, daß die dünnen Falten ihrer Tuniken eine
größere Feinheit des Stoffes, als bei denen der andern bei-
den Figuren verrathen. *)

Werfen wir nun einen Blick von dem Einzelnen zu dem
Ganzen der Handlung, so dürfen wir nicht wohl zweifeln,
der Künstler habe die Colchifche Medea bei den Peliaden vor-
stellen wollen, wo jene durch Zauberkünste diese beredet hat,
ihren alten Vater Pelias zu tödten, und dessen Körper, in
Stücken zerschnitten, in einem Kessel auszukochen, damit
er vermöge ihrer Zaubereien und geheimen Kraftmittel,
welche sie dem Gekoche beilegen würde, verjüngt wieder
erstehe.

Zur richtigen Ansicht des Monumentes berühren wir die
Fabel kurz, welche sich am ausführlichsten bei Diodor (4,
Zo - 54. vergl. Ovid. ^ler. VH. 297.) angegeben findet.

Pelias, König von Iolkos, hatte ein Orakel empfan-
gen, daß derjenige, welcher bei dem Opfer zur Ehre Nep-
tuns nur mit einem Schuh erscheinen würde, sein Mörder
werden sollte. Dies Ereignis, nur mit Einem Schuh zu
erscheinen, widerfuhr Jason, dem Sohne seines Bruders
Aeson. Pelias ließ also das Schiff Argo ausrüsten, um
seinen Neffen zum Abholen des goldenen Vließes nach Col-
chis zu senden, in der sichern Voraussetzung: er würde das
Abentheuer nicht bestehen, und bei der gefahrvollen Unter-

*) Sollte dieß auf ein feineres Gewebe der ägyptischen Solcher
anspielen? (Herodot 2, 105.)
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