Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 176
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Prüft man genauer, was dieß Urtheil sagen wolle und
könne, so scheint es nichts anders zu heißen, als, die alten
Künstler haben den Charakter der Kindernatur, das heißt,
jene Eigentümlichkeiten in der Körperform, in der Bewe-
gung und Handlung, in den Mienen und in der Aeußerung
der Leidenschaften und Empfindungen, noch durch keine
Kunst und keinen Zwang verschleiert und entstellt, und jene
eigenthümliche Beweglichkeit und Geschmeidigkeit in allen
Gliedern des Körpers durch kein Hinderniß des erwachsenen
Alters gehemmt, so wenig zu beobachten und einzusehen, als
in ihren Werken geschickt darzustellen verstanden.

Aber in aller Welt, wie kommt man zu einer solchen
Ansicht? Scheint dieß fast nicht eben so viel zu sagen, als,
es. habe im Alterthume keine Kinder gegeben? denn was
konnte jene trefflichen Alten, die in der Kunst soviel vermoch-
ren, daran verhindern, nicht nur richtige Beobachtungen
über die Natur der Kinder, die, wohl zu merken, als Kin-
der sich wohl zu allen Zeiten, in allen Klimaten und unter
allen Religionsparteien, wohl so ziemlich alle gleichen und
den ursprünglichen Typus des natürlichen Menschencharak-
ters im Ganzen wohl überall an sich tragen, anzustellen, als
auch das Beobachtete in ihren Werken treu und kunstvoll aus-
zubrücken? Fehlte es ihnen etwa überhaupt an jenem Beob-
achtungögeiste und jener Scharfe des Verstandes, um in die
Eigentümlichkeit eines jeden Menschenalters einzudringen?
Fehlte es ihrer Hand etwa an Kunstfertigkeit , die zur Dar-
stellung menschlicher Natur jedwedes Alters und Charakters
erforderlich ist? — Kein Kenner der alten Kunst hat dieß
je behauptet, und dennoch hat es nicht an Kunstrichtern ge-
fehlt, die jenes behaupteten.

Aber vielleicht haben die Alten wirklich nur seltner Kin-
der gebildet, weil sie sich weniger von einem Alter angezogen
fühlten, das des Charakters der Würde, des Ernstes und
der höheren Bedeutung entbehrt, den sie in den Formen und
Bildern eines reiferen Alters, als der Götter, Heroen und
anderer historischen Personen, die sie täglich zum Schmuck
der Tempel, zum Bedürfniß der Religion und zur Verherr-
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