Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 181
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Hand ihn kaum zu fassen vermag. Deshalb drückt sie sich
oberhalb an die linke Brust an, gleichsam eine natürliche
Stütze und ein Behältniß suchend für den kindischen Reich-
thum. An den Schultern sind Spuren abgebrochener
Flügel, die nicht zweifeln lassen in Verbindung mit allen
übrigen, daß diese Statue vormals das vollständige Bild
eines kleinen Amor vorstellte.

Frägt aber nun Jemand, was dieser liebliche und
leichtfertige Amor mit den Spielknochen noch beson-
deres bedeute, so mögte sich diese Frage schwerlich allein
aus dem Umfange unseres Werkes beantworten lassen.

Zwar kann man nicht mit Unrecht sagen, jenes heim-
liche Lächeln mit einem Anstrich von Schadenfreude scheine
zu verrathen, daß der kleine Schelm als Sieger in irgend
einem ungleichen Kampfe erscheine; aber nichts desto
weniger vermissen wir an unserem Kunstwerke etwas, was
wir mit Recht erwarten müssen, die Quelle nemlich, wo-
raus jener besondere Charakter der Miene erklärlich wäre,
der mit so großer Absicht und mit so viel Fleiß und
Sorgfalt vom Künstler ausgedrückt ist, so daß man wohl
einsieht, der Hauptwerth des ganzen Werkes hange hiervon
vornehmlich ab. Die Menge von Knöcheln in der linken
Hand kann uns allerdings die Ursach der Freude und
Fröhlichkeit in dem Gesichte des kleinen Gottes zu erkennen
geben, aber nicht auf gleiche Weise die Ursache der darin
eben so gut herrschenden List und Schlauigkeit, die hier
mehr zu sagen scheint, als blos allgemeines Merkmal in
dem Charakter Amors; nicht auf gleiche Weise die Ursache
der Schadenfreude über einen vcrmuthlich davon getrage-
nen Sieg, die wir hier aber durchaus erwarten. Wir ver-
missen demnach mit vollkommenen Rechte etwas, was als
hinlänglicher Grund erschiene, sei es das Bild eines Gottes
oder eines Sterblichen, von dem Amor jene Knöchelchen
auf irgend eine, erlaubte oder unerlaubte Weise sich zu
verschaffen wußte. Die Frage: woher er sie erhielt, ist
also hier ganz unvermeidlich. Daß er sie etwa zum Geschenk
erhalten, kann man kaum glauben; denn der ganze Aus-
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