Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 191
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hatte. Gewiß würde er sonst den kleinen Gott in den Besitz
der ihm eigenthümlichen Flügel versetzt haben, worauf die
Spuren auf den Schultern ohne Bedenken hätten leiten
müssen. i

So stehet also das Kunstwerk in jenen beschriebenen
Gruppen vollendet vor unfern Augen, ein herrliches, liebli-
ches Bild kindischen Unmuthes und Uebermuthes, mit so
viel natürlicher Wahrheit, Naivität und Schönheit geziert;
so überdacht und sorgfältig in Abwägung der Kontraste in
dem Affekt des triumphirenden und des traurendem Knaben,
und mit so viel Kenntniß der menschlichen Natur, insbeson-
dere der kindlichen, und mit so viel Kunstgeschicklichkeit bear-
beitet und ausgeführt, daß man nichts Reißenderes und
Voükommneres in der Art sehen kann!

Bedarf es noch eines andern Beweises, daß die Alten
ihre ausgezeichnete Kunst auch in Kinderbildungen auf eine
bewundernswürdige Weise zu erkennen gegeben haben? Oder
muß man nicht lieber, wenn man aufrichtig seyn will, geste-
hen, daß jene Buonarokti's, Fiamingo's, Algardi's und
Andere ihnen ähnliche in ihren Kinderbildungen, die sich
theils durch einen zu großen Schwulst und eine zu große Fei-
stigkeit der Muskeln und Gliedmaßen, durch förmlich ausge-
bildete Muskulatur, nur in Kindergestalt, oder durch zu
übertriebenen Ausdruck in Mienen und Stellung, mehren-
theils bei vernachlässigter natürlicher Bedeutsamkeit auszeich-
nen , nichts hervorgebracht haben, was mit der natürlichen
Wahrheit und Schönheit unserer Knöchelspieler und ähnlicher
Werke verglichen werden könnte.

Es verdient noch bemerkt zu werden, daß Manche glau-
ben, unsere Spieler wären eine Kopie jener beiden nackten
Knaben des Polyklet, welche Plinius *) Die astraga-

*) H. N. L. 34, 19. 2. ,,fecit — duosque pueros talis nudos
ludentes ; qui vocantur a s tr a ga 1 izo n te s , et sunt in Titi im-
peratoris atrio, quo opere nullum absolutius plerique indi-

cant! — In dieser Stelle ist aber durchaus nicht von einem Amor
die Rede, wie Winkelmann meinte, vcrgl. not. n.
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