Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 285
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Demungeachtet scheinet der Ruhm dieses Werks, größer zu
seyn als dessen Kunstverdienst. Jenes Beseelte des Ganzen,
das Charakteristische jedes Theils und jedes Theils Ueberein-
stimmung zum gesammten Werk, Eigenschaften, welche man
an den achten Stücken von griechischem Meißel bewundert,
zieren dieses hier nur sparsam. Das Gesicht ist nicht frei
von Fehlern der Zeichnung, und die Form der Schenkel will
der Zierlichkeit des Körpers nicht ganz Zusagen. Schwerlich
ist diese Statue das wahrhaftige ursprüngliche Original.
Denn nicht nur findet sie sich mehrere male wiederholt, son-
dern eine solche Wiederholung, die aber kleiner als das flo-
rentinische Denkmal ist, und sich sonst in der Villa Aldobranr
dini zu Rom befunden, scheinet viel vorzüglicher gearbeitet.

Am florentinischen Denkmal, von welchem hier gehan-
delt worden, ist die Nase, die linke Augenbraune, beide
Ellbogen nebst Stücke von den Armen und Händen neu, auch
das rechte Bein von der Wade an samt dem Fuß, sodann
der linke Fuß bis hinauf über den Knöchel.

Taft XXXVI. Andere größere Figur des Marsyas
mit der vorigen von ähnlicher Stellung in rothem fleckigem
Marmor gearbeitet. Es ist dieses eins von den Spielwer-
ken , zu denen sich auch die alte Kunst zuweilen gefällig be-
guemte. Die weißen Adern und Flecken des Steines sollten
nämlich den Marsyas als von Haut entblößt darstellen; gleich-
wohl hat der Künstler keine Anatomie oder einen wirklich ge-
schundenen Körper zu bilden beabsichtigt; denn die Muskeln
fließen sanft in einander, und über der Schaam sind Haare
angedeutet, das Schweifchen desgleichen. Die Arbeit im
Ganzen ist gut, und wenn die florentinischen Erklärer man-
ches Nachtheilige von diesem Denkmal zu sagen wissen, so
schätzen wir hingegen dasselbe nicht weniger hoch als den vor-
gedachten andern Marsyas aus weißem Marmor; der aus
rothem Marmor hat zwar weniger Zierlichkeit in den For-
men, jedoch mehr Großes, Gewaltiges; in ihm gelang
dem Künstler eine zwar gemeine aber kräftige Natur treu
darzustellen. Vom Brustbein aufwärts ist alles an dieser
Figur moderne Ergänzung, außerdem noch einige Zehen an
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