Böttiger, Carl August   [Hrsg.]
Amalthea oder Museum der Kunstmythologie und bildlichen Alterthumskunde — 1.1820

Seite: 287
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Künstler keinen Mantel aus Tuch/ sondern vielmehr einen
aus weichem Leder darzustellen beabsichtigte. Will man Feh-
ler aufspüren, so lassen sich allerdings deren einige Nachwei-
sen; es hangt z. V. der linke Schenkel auf der innern Seite
übel mit dem Leib zusammen, auch könnten beide Knie besser
und richtiger gebildet seyn. Diese und andere Nachlässigkei-
ten werden jedoch reichlich vergütet, ja überglänzt durch die
ungemeinen Schönheiten der Stellung, der Anordnung der
Glieder, des lebendigen Ausdrucks, der Uebereinstimmung
aller Theile zum Ganzen. Höchst natürlich ist ferner darge-
stellt die Biegung, das weiche Nachgeben der Glieder bei
erleidendem Druck oder leistenden Diensten. Der Meister
wollte zwar einen ganz gemeinen Charakter bilden, doch da-
bei alles Widerliche sorgfältig vermeiden und diese Aufgabe,
welche gewiß nicht zu den leichten gehören mag, hat er voll-
kommen befriedigend durchgeführt. Daß die Brust etwas
enge und flach, der Bauch hingegen stark gehalten ist, ge-
hört zum beabsichtigten Charakter und darf keineswegs geta-
delt werden. Aus gleicher Ursache sind auch die Füße etwas
breit und schwer geformt. Den Gliedern entsprechen die
Gesichtszüge auf das Glücklichste: in der zurücktretenden

hohen Stirn, der etwas vorliegenden Unterlippe, dem kur-
zen Schnurrbart, den kleinen Locken an der Unterlippe, dem
Kinn und neben den Ohren, spricht sich der Charakter eines
Knechts oder Sclavens aus das deutlichste aus, nicht ohne
eine gewisse Großheit, welche durch das ganze Werk herrscht
und allen Theilen die anziehende Uebereinstimmung giebt."

„Zwar folgen wir gerne der Meinung neuerer Forscher,
daß dieses Denkmal den Scythen darstelle, welcher die vom
Apollo über den Marfyas verhängte Strafe vollziehen soll;
doch war auch die ältere Auslegung, nach welcher dasselbe
eines römischen Sclaven Bildniß seyn sollte, der zufällig
eine Verschwörung behorcht und entdeckt habe, passend ge-
nug; die Falten der Stirne, die hoch aufgezogenen Augen-
braunen, der etwas geöffnete Mund, drücken Aufhorchen
und Begehren zu vernehmen trefflich aus, ja es ist wirklich,
als ob die ganze Figur beseelt sei, das Ohr zum Horchen
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